Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 121 
Da hatte vor allem der Kirchenhistoriker des Pietismus, Gott— 
fried Arnold, den Bruch mit der Polemik gefordert, zuerst in 
seiner Gießener Rede „De corrupto historiarum studio* vom 
Jahre 1697; in der Ausführung seiner „Unparteiischen Kirchen— 
und Ketzerhistorie“ (seit 16999 hat er sich dann allerdings 
keineswegs frei von Parteinahme gezeigt. Nach ihm aber hat noch 
um vieles mehr der größte Kirchenhistoriker der ersten Hälfte des 
18. Jahrhunderts, der 1755 als Kanzler der Universität Göttingen 
gestorbene von Mosheim, Polemik und bewußte Parteinahme offen 
aus der Kirchengeschichte verbannen wollen. Freilich war er 
deshalb dogmatisch keineswegs weitherzig; fest stand er vielmehr 
zu jedem Titel der lutherischen Lehre, und dogmatisch⸗pole⸗ 
mischen Schwierigkeiten der kirchengeschichtlichen Darstellung 
entzog er sich nur dadurch, daß er die Entstehung eines kirch— 
lichen Dogmas niemals und nirgends zum Gegenstande seiner 
Untersuchung gemacht hat. Dementsprechend stand ihm denn auch 
die auflösende und zersetzende Kritik der späteren Aufklärung 
noch völlig fern; treugläubig hielt er es noch mit der vollen 
Infpirationslehre. Aber gleichwohl sind bei ihm schon Spuren 
freierer Auffassung vorhanden; durch Hindeutungen auf den 
Anteil, den die Philosophie an der Bildung der Kirchenlehre 
gehabt, ist der Weg in das Innere dogmengeschichtlicher Unter⸗ 
suchungen bereits halb eröffnet; und der zahllosen Menge über⸗ 
lieferter Wunder wird das Bedürfnis nach deren Begrenzung ent⸗ 
gegengestellt. Namentlich der letztere Punkt ist von Bedeutung. 
Wie noch ein Leibniz vor ihm und fast alle Zeitgenossen mittleren 
Ausmaßes mit ihm hält Mosheim an der Möglichkeit über— 
natürlicher Eingriffe in das menschliche Geschehen noch durch⸗ 
aus fest; aber er stellt daneben den Satz auf, daß Gott nur 
durch solche Personen Wunder verrichten könne, die in göttlicher 
und religiöser Hinsicht dieser Gnade wert seien. Damit fallen 
denn für ihn als guten Lutherischen fast alle mittelalterlichen 
und neuzeitlichen Wunder hinweg; er beseitigt sie einfach nach 
den Normen des lutherischen Dogmas; für die Psychologie 
der Legendenbildung dagegen hat er noch nicht das geringste 
Verständnis.
	        
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