Aufklärung und Pietismus. 147
„Philosophischen Gesprächen“ des Jahres 1755 und den ihnen
rasch folgenden „Briefen über die Empfindungen“ verhältnis—
mäßig früh in die ästhetische und moralische Bewegung, und
alsbald in der Richtung, die ihn sein ganzes Leben gekenn—
zeichnet hat: als Schüler der Wolffschen Philosophie und der
englischen Aufklärung, unter starkem Widerwillen gegen die
Franzosen und die ihm frivol erscheinende Seite ihres Denkens.
Die Franzosen philosophieren mit dem Witz, die Engländer
mit der Empfindung,“ hat er einmal an Lessing geschrieben.
So ist es ihm mit zu danken, wenn die deutsche Aufklärung
sich, freilich zugleich eingeborenem Wesen folgend, nicht den
zersetzenden Wirkungen des französischen Materialismus hingab,
sondern ihrem ursprünglichen, positiven Charakter, den deistischen
Idealen vernunftgemäßer Erkenntnis Gottes und freien Un—
sterblichkeitsglaubens in gemütvoller Emphase treu blieb. Und
diese Ideale in erhebender Sprache, wenngleich ein wenig in
predigendem, gelegentlich sogar larmohyantem Tone zum Aus—
druck zu bringen, war recht eigentlich Mendelssohns Gabe; von
Plato vornehmlich hat er für Richtung und Stil seiner
Schriften gelernt; und noch heute wird man vielleicht gern
einige Abschnitte seines ,Phädon“ (1767) oder seiner „Morgen—
tunden“ (1785) zu einfacher Erbauung lesen. Denn darin eben
liegt die Bedeutung ihres Verfassers, daß er den trockenen
Formeln Wolffs und der teilweis beißenden Kritik fremder
Aufklärung die Richtung aufs Positive, aufs seelisch Gehalt—
bolle gab und damit eine Wirkung ausübte, die die deistischen
Ideale bis in die Tiefen des Gemütes auch der unteren Klassen
kragen konnte und trug. So ist der Kern eines einfachen, vom
Besonderen der christlichen Offenbarung absehenden Gottes—
dlaubens und zugleich der Gedanke der Verschiedenheit von
Religion und Weltlichkeit, von Staat und Kirche, die positive
Seite der Toleranz, wohl von niemand der Nation während des
18. Jahrhunderts näher gebracht worden; und glücklich konnte
Mendelssohn im Jahre 1786 von seinem Lebenswerke scheiden.
Allein war es denn nun möglich, daß diese ganze auf⸗
klärerische Richtung sich immer weiter ausbreitete, ohne schließlich
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