Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

156 Neunzehntes Buch vViertes Kapitel. 
Semler eingenommenen, wenn auch ins Freieste entwickelten 
christlichen Standpunkt stehen bleiben? Leuchtete nicht ein, daß 
die Aufklärung neben der Frage: Offenbarung oder Dogma 
schon längst die weitere: Naturreligion oder Offenbarung — 
und damit in der zeitgemäßesten Beantwortung dieser Alter— 
native die Position: Naturreligion über der Offenbarung 
zuließ? 
Zwar die große Menge der Gebildeten stellte die Alter— 
native überhaupt nicht so scharf. Sie begnügte sich mit dem 
Abblassen der Offenbarung fast bis zum ausschließlichen Be— 
griffs- und Pflichtenbestand der natürlichen Religion und hielt 
sich trotzdem noch für durchaus christlich. Es ist der Stand⸗ 
punkt, der in den Sätzen Garves gezeichnet ist: „Die Wahr— 
heiten, die in der Tat den ganzen Körper unserer Dogmatik 
ausmachen, sind die Wahrheit von dem Dasein Gottes als 
eines verständigen und moralischen Wesens, die Wahrheit 
von der Unsterblichkeit der Seele, wodurch allein unser 
Streben nach Vollkommenheit einen erreichbaren Zweck erhält, 
und endlich die Wahrheit, daß nur durch die moralische Ver— 
besserung die Gnade Gottes erhalten und der Zustand nach 
diesem Leben glücklich werden könne.“ Allein konsequenten 
Köpfen und starken Persönlichkeiten genügte dieser Kompromiß- 
standpunkt nicht. Und die Zahl solcher Persönlichkeiten war 
immerhin schon groß genug; Georg Forster konnte späterhin in 
diesem Sinne einmal gradezu sagen: „Man hat endlich auf— 
gehört, in guter Gesellschaft von den Zänkereien der Pfäfflein 
zu sprechen“; und von Senckenberg, dem Stifter des bekannten 
Frankfurter Institutes, wird die Äußerung angeführt, er wisse 
Gott näher zu finden, als bei den Pfaffen und in der Kirche, 
nämlich im Geist, im Herzen und in der Tugend. Wirklich 
religiss veranlagte Denker aber beruhigten sich natürlich nicht 
mit solchen allgemeinen Äußerungen; sie griffen durch und 
kamen in erster Linie zu schärfsten Motivierungen jeglicher Ab— 
urteilung des Christentums, darauf auch schon zu den An— 
fängen eines rein subjektiven Glaubens. So passierte zum 
Beispiel Friedrich der Große kritisch alle Stufen der Aufklärung,
	        
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