Die bildenden Künste des Barocks und des Rokokos. 213
herg gehalten: hier wurden bis zum Eindringen des Rokokos
schwere, gediegene und selbständige Arbeiten geschaffen. Aber nun
kam diese leichte Kunst mit ihrem Stuckwerk, ihren falschen Ver—⸗
goldungen, ihrer im einzelnen willkürlichen Formenwelt und
ihrer nicht selten liederlichen Mache: es war der Ruin der
deutschen Arbeit. Allerdings hat wenigstens Augsburg die
neuen Formen aufgegriffen; eine ganze Flut von Ornament—
stichen im Rokokogeschmack ergoß sich von dorther Deutschland,
und noch in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts hieß der
neue Stil auf deutschem Boden gewöhnlich die Augsburger Art.
Aber die Augsburger, wie überhaupt die deutschen Meister,
zrreichten in der Dekoration keineswegs die Feinheit der Fran—
zosen. Außer dem allgemeinen Verfalle des Bürgerstandes in
den alten Städten machte sich geltend, daß die neuen Formen
der nationalen Phantasie doch nicht in schöpferischem Ringen
entsprungen waren, und so verstand man denn nur zur Hälfte
den tieferen tektonischen Sinn dessen, was man sich nur an—
geeignet, nicht mit errungen hatte. Es war das Verhältnis der
einstigen römischen Provinzialkunst etwa zur Kunst der Haupt—
stadt. Man schuf alles nach, phantastischer vielfach und reicher,
aber das eigentlich Schöpferische der fremden Grazie fehlte,
und die Formen blieben willkürlich und vielfach auch hart, trotz
liebevoller Versenkung. Dazu kam, daß man Formen begünstigte,
die am wenigsten etwas von innerer Symmetrie und Ruhe besaßen;
so ist namentlich das Muschelwerk, jene Rocaille, nach der der
Stil doch wohl den Namen erhalten hat, in Frankreich viel
weniger als in Deutschland in den Vordergrund der Dekoration
gezogen worden.
Und was schlimmer war: mit der fremden Art zog die
Kunst der Surrogate ein. Begnügte sich schon das leichtlebige
Frankreich der Régence mit kupfervergoldeten Möbelbeschlägen
an Stelle der silbervergoldeten Ludwigs XIV., mit Metallguß
an Stelle der getriebenen und gehämmerten Metalle früherer
Zeit, setzte man bald an Stelle der Ledertapeten des Barocks
die Tapete von Papier, so ahmte das deutsche Kunstgewerbe
hierin die Franzosen nur zu getreulich nach, ja übertraf sie.