Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

214 
Zwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
Die Kunst des Scheins, des theatralischen Effekts zog damit in 
das künstlerische Schaffen ein, und Generationen hindurch hat 
man an Vergiftungen aus dieser Quelle her gekränkelt. 
Nur in einem Punkte erreichte Deutschland bei dieser Lage 
noch auf einige Zeit eine führende Stellung, freilich auch hier 
nur durch einen glücklichen Zufall. Im Jahre 1709 hatte der 
Sachse Johann Friedrich Böttcher das europäische Porzellan 
entdeckt; und schon 1710 wurde in Meißen eine Fabrik er— 
richtet, der dann, zunächst in Deutschland und als Sache fürst⸗ 
lichen Sports, eine ganze Menge anderer Fabriken folgten, 
darunter ziemlich fruh die Staatsfabrik in Wien, 1738 die 
von Nymphenburg, nach dem Siebenjährigen Kriege — auf 
Brund privater Anfänge seit 1750 — die von Berlin. 
Diese Fabriken, denen freilich bald solche des Auslandes, 
vor allem die französische Staatsfabrik zu Sévres, parallel 
zingen, traten nun mit ihren Erzeugnissen fördernd in eine 
schon bestehende Bewegung ein. Die seit den letzten Jahrzehnten 
des 17. Jahrhunderts auftretende Neigung zur hellen Belich— 
tung der Innenräume, die schon damals vereinzelt zur Be⸗ 
vorzugung hellerer Stuckarten an Stelle der hergebrachten 
dunkelgelben, braunen, grünen, roten Stuckfarben des Barocks ge⸗ 
führt hatte, hatte sich früh auch mit einer Fayence lichten Tones 
defreundet, die in Delft erzeugt wurde und darauf hinauslief, 
das seltene, bisher nur von China aus zu erhaltende Porzellan 
zu ersetzen. In diesem Zusammenhange war dann die Fayence 
von Delft zu einem der wichtigsten holländischen Kunstgewerbe⸗ 
artikel geworden, und überall ahmte man sie nach; in Italien 
drohte fie sogar die einheimischen Majoliken zu verdrängen. 
Gleichwohl genügte sie weder stärkeren Ansprüchen an Haltbarkeit, 
noch gestattete sie eine feinere plastische Modellierung. Grade 
hierin aber lagen die Vorteile des neugefundenen Porzellans. 
So löste das Porzellan die Fayence ab; und bald wurde es 
zu einem der beliebtesten Materialien des Rokokos: denn seine 
Modellierungsfähigkeit folgte fast unbegrenzt den tollsten Launen 
der Bildnerei dieses Stiles; und sein Glanz, seine Fähigkeit, 
helle Farben eingebrannt aufzunehmen, entsprachen der ästhe—
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.