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Zwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
Die Kunst des Scheins, des theatralischen Effekts zog damit in
das künstlerische Schaffen ein, und Generationen hindurch hat
man an Vergiftungen aus dieser Quelle her gekränkelt.
Nur in einem Punkte erreichte Deutschland bei dieser Lage
noch auf einige Zeit eine führende Stellung, freilich auch hier
nur durch einen glücklichen Zufall. Im Jahre 1709 hatte der
Sachse Johann Friedrich Böttcher das europäische Porzellan
entdeckt; und schon 1710 wurde in Meißen eine Fabrik er—
richtet, der dann, zunächst in Deutschland und als Sache fürst⸗
lichen Sports, eine ganze Menge anderer Fabriken folgten,
darunter ziemlich fruh die Staatsfabrik in Wien, 1738 die
von Nymphenburg, nach dem Siebenjährigen Kriege — auf
Brund privater Anfänge seit 1750 — die von Berlin.
Diese Fabriken, denen freilich bald solche des Auslandes,
vor allem die französische Staatsfabrik zu Sévres, parallel
zingen, traten nun mit ihren Erzeugnissen fördernd in eine
schon bestehende Bewegung ein. Die seit den letzten Jahrzehnten
des 17. Jahrhunderts auftretende Neigung zur hellen Belich—
tung der Innenräume, die schon damals vereinzelt zur Be⸗
vorzugung hellerer Stuckarten an Stelle der hergebrachten
dunkelgelben, braunen, grünen, roten Stuckfarben des Barocks ge⸗
führt hatte, hatte sich früh auch mit einer Fayence lichten Tones
defreundet, die in Delft erzeugt wurde und darauf hinauslief,
das seltene, bisher nur von China aus zu erhaltende Porzellan
zu ersetzen. In diesem Zusammenhange war dann die Fayence
von Delft zu einem der wichtigsten holländischen Kunstgewerbe⸗
artikel geworden, und überall ahmte man sie nach; in Italien
drohte fie sogar die einheimischen Majoliken zu verdrängen.
Gleichwohl genügte sie weder stärkeren Ansprüchen an Haltbarkeit,
noch gestattete sie eine feinere plastische Modellierung. Grade
hierin aber lagen die Vorteile des neugefundenen Porzellans.
So löste das Porzellan die Fayence ab; und bald wurde es
zu einem der beliebtesten Materialien des Rokokos: denn seine
Modellierungsfähigkeit folgte fast unbegrenzt den tollsten Launen
der Bildnerei dieses Stiles; und sein Glanz, seine Fähigkeit,
helle Farben eingebrannt aufzunehmen, entsprachen der ästhe—