Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

224 Swanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
Traf aber diese Bewegung zunächst nur die dekorative 
Seite der Kunst, so wurde die tektonische nicht weniger durch 
zunehmende theoretische Bearbeitungen beeinträchtigt, die mit 
dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit auftraten und dem Grund— 
satze zustrebten, die Baukunst sei etwas ausschließlich wissen⸗ 
schaftlich zu Erlernendes. In diesen Zusammenhang gehören 
schon die palladiesken Traditionen. Und den Lehrern der Hoch⸗ 
renaissance folgten später in Italien ein Temanza, Lodoli, Al—⸗ 
garotti, Milizia. Recht eigentlich heimisch aber wurde die Auf— 
fassung der Baukunst als einer Wissenschaft doch erst in Frank⸗ 
reich, dem Lande der 1671 errichteten Académie royale de 
l'arehitecture. Hier war eigentlich Hardouin⸗Mansart (der 
Erbauer des Invalidendoms vom Jahre 1706) der letzte große 
schöpferische Architekt; schon neben ihm begann sich eine Schule 
von Doktrinären zu erheben, die Perrault, Blondel, später 
Cordemoy, Laugier, welche die Kunst philosophisch, d. h. in— 
tellektuell und rationalistisch, begründeten und die Phantasie kaum 
noch im Vorhofe künstlerischer Tätigkeit zuließen. Und auch in 
Deutschland hatten sich solche Lehrmeister eingefunden: der 
Mathematiker Nikolaus Goldmann z. B. (1623 - 1665) und 
sein Übersetzer und Bearbeiter Leonhard Christoph Sturm 
(1669 - 17 19). 
So blieb nur noch übrig, daß man auch Malerei und 
Plastik als Wissenschaften faßte. Es war ein Standpunkt, der 
mit dem vollen Durchdringen der Barockarchitektur selbst⸗ 
verständlich schien: denn diese Architektur, selbst als Wissen⸗ 
schaft gefaßt, mußte bei ihrer Eigenart allmählich auch die 
selbständige Phantasietätigkeit in den anderen bildenden Künsten 
zerstören. In der Tat begann — während sich auf dem un⸗ 
bedeutenderen Gebiete der Bildnerei allgemeine Überzeugungen 
überhaupt weniger fest herausbildeten — für die Malerei die 
rationale Auffassung mit den ersten großen französischen Malern, 
mit Simon Vouet (f 1646) und Nicolas Poussin (f 1665). 
Namentlich Poussin ist keine schöpferische Kraft im Sinne 
der großen Niederländer gewesen. Er rückte nicht so sehr der 
Natur als seinen italienischen Zeitgenossen auf den Leib, vor
	        
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