Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 243 
Zincgref aus Heidelberg (1591 -1635); 1618 trat der junge 
schlesische Student Martin Opitz in diesen Kreis, und bald 
verkündete ihn Zincgref als Messias auch der deutschen Dichtung. 
Im Jahre 1620 aber wurde dieser Zusammenhang gesprengt; die 
Schlacht am Weißen Berge war geschlagen, der Winterkönig 
dlüchtig, das freie Hofleben in Heidelberg dahin. 
Neben den südwestdeutschen Bestrebungen tauchten indes 
auch sonst hier und da in Deutschland Renaissanceversuche auf: 
so in Hessen, wo unter Moritz J. Dietrich von dem Werder 
1584 - 1657) seit 1626 seine durch Wärme, Weichheit, Schwung 
und Freiheit der Bewegungen ausgezeichneten Übersetzungen 
Tassos und Ariosts erscheinen ließ und sich in eigenen Gedichten 
versuchte; so in Leipzig, wo Kaspar Barth seinen Teutschen 
Phönix (ebenfalls 1626 erschienen) dichtete, so auch in Nord— 
deutschland und nicht minder in Böhmen: in Böhmen dichtete 
der Pfälzer Theobald Hoeck schon früh im Sinne seiner heimat— 
lichen Schule das „Schöne Blumenfeld“, nicht selten noch etwas 
naiv, gelegentlich noch mehr volkstümlich als vornehm-gelehrt: 
Zwei Augen, zwei Händ, ein rosenfarbener Munde 
Mich täglich machen wunde. 
Und während so die Höfe des Südwestens die Entwick— 
lung einer vornehmen Literatur durch Begünstigung oder 
wenigstens moralische Stützung dichterischer Talente gefördert 
und darin mancherlei Beihilfe auch anderwärts erfahren haätten, 
war man in Mitteldeutschland auf noch einem anderen, schein— 
bar viel unmittelbareren Wege vorgegangen: die Fürsten hatten 
selbst versucht, zunächst die Sprache als Grundlage einer neuen 
Literatur zu heben; im Jahre 1617 war durch Ludwig von 
Anhalt die Fruchtbringende Gesellschaft nach dem Vorbilde der 
Florentiner Accademia della Orusca (seit 1582) begründet 
worden: zur Erhaltung guten Vertrauens und Erbauung wohl—⸗ 
anständiger Sitten und zur nützlichen Ausübung der Landes— 
sprache. Wie man sieht, waren die Absichten, die bei der 
Gründung dieser und verwandter Gesellschaften hervortraten, 
nicht so ganz einfacher Natur. Man begann sich in den höfischen 
Kreisen des alten Lebens in Saus und Braus zu schämen: 
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