Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

308 ZƷwanzigstes Buch. Drittes Kapitel. 
Er klagt der Schönen seine Qual, 
Er redt von strengen Liebeskerzen, 
Von Augensonnen, heiß an Pein, 
Von Tigermilch, von diamantnen Herzen 
Und von der Hoffnung Nordlichtschein 
Und schwört, weil Sylvia durch nichts erweicht geworden, 
Sich, bei Gelegenheit, aus Liebe zu ermorden. 
Und schon lange vor Gellert, bereits während des ersten 
Menschenalters in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, als 
Hamburg durchaus noch in den Banden des Barocks und des 
Marinismus lag, bestand in Leipzig ein Dichterkreis, der den 
Sinn fürs Einfache, zugleich freilich oft noch Rohe zum Aus— 
druck brachte und eine erste, rein bodengewachsene und deutsche 
Reaktion gegen den Schwulst einleitete. Aus diesem Kreise 
ging als sein Hauptvertreter Christian Weise (1642 1708), 
der noch heute in der Erinnerung der sächsischen Gymnasiasten 
fortlebende Schulmonarch von Zittau, hervor. 
Weise war als pädagogischer Schriftsteller und als Poet 
tätig. Nach beiden Richtungen hin sind das Verstandesmäßige, 
Humorvoll-⸗Kecke und gelegentlich auch noch recht Derbe seine 
hervorragendsten Eigenschaften. Konnte es ihm bei dieser echt 
mitteldeutschen und speziell wieder sächsischen Beanlagung trotz 
aller Lebendigkeit schwer werden, in der Poesie nichts als eine 
„vernünftige“ Tätigkeit zu sehen? Seine im Jahre 1691 erschienene 
Poetik trägt einen Titel, der sein ganzes Programm enthält: 
„Christian Weisens Curiöse Gedancken von deutschen Versen, 
welcher Gestalt ein Studirender in dem galantesten Theile der 
Beredsamkeit was anständiges und practicables finden soll, damit 
er Gute Verse vor sich erkennen, selbige leicht und geschickt 
nachmachen, endlich eine kluge Maße darinn halten kan; wie 
bißhero die vornehmsten Leute gethan haben, welche von der 
klugen Welt nicht als Poeten, sondern als polite Redner sind 
aestimirt worden.“ In der Tat: eine Dichtung als „Dienerin 
der Beredsamkeit“, sehr nützlich zum Vergnügen, nützlich auch, 
um bittre Wahrheiten „leichter eingehen zu lassen“, das war 
das Ziel, dem Weise und ihm folgend tausend deutsche Schul— 
meisterpoeten nachstrebten.
	        
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