348 Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
Aus dieser Phäakenstimmung singt Gleim ungeniert in
die Welt:
Klopstock will sein junges Leben
Für Homerus' Lorbeern geben!
Dieser Will' ist nicht für mich,
Lange leben will ich!
Sind diese Stimmungen verflachte Reproduktionen aus der
Welt jener Gefühle, aus der die Poesie der Hagedorn und
Gellert hervorgegangen war, so steht nun aber neben ihnen in
der Halleschen Gruppe doch noch ein anderes Element, das den
Ubergang zu Neuem kennzeichnet. Diese Poesie ist nicht mehr
auch nur gemacht naiv. Sie reflektiert, und sie reflektiert ins
Empfindsame. Sie kennt schon Naturen ähnlich dem Heineschen
Stamme jener Asra, welche sterben, wenn sie lieben:
Sie schlug mit ernsterfülltem Blick
Den Kuß ihm ab, er sank zurück
Und starb vor ihr den Augenblick.
Und tritt sie auch der Empfindsamkeit zunächst nur sehr
äußerlich nahe, so gibt sie ihr doch gelegentlich einen Ausdruck,
der schon auf kommende Zeiten hinweist:
Sittsamkeit und sanfte Tugend
Sprach ihr ganzer Leib.
Alle jungen Schäfer seufzten:
Welch ein schönes Weib!
Und gelegentlich treibt sie die Empfindelei bis zur Be⸗
hauptung allgemeinen Liebesunglücks:
Glücklich ist, wer nimmer liebet,
Wer der Liebe lacht;
Denn wer sich der Lieb' ergibet,
Seufzet, sehnt sich, ist betrübet,
Winselt Tag und Nacht.
Inzwischen aber war aus diesen Kreisen eine kleine Gedicht—
sammlung hervorgegangen, die weit hinweg über eingebildete
Liebeleien ein Stück Wirklichkeit packte: Gleims „Preußische
Kriegslieder in den Feldzügen 1756 und 1757, von einem
Grenadier“. Zwar fehlte auch hier das sentimentale Element