Object: Neuere Zeit (Abt. 2)

Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 247 
sein lauteres Beispiel die Verbreitung, die an sich in der Luft 
lag, außerordentlich erleichtert: fast ohne irgendwelche äußer— 
liche Revolution vollzog sich ziemlich allgemein der Übergang; 
und neben die Meistersingerei, den letzten formalen Rest der 
großen mittelalterlichen Literaturepoche, trat die Reimerei und 
die Dichtung der Renaissance. 
2. Allerdings machte sich in Deutschland, teilweis noch 
anknüpfend an die Reformbewegungen vor Opitz, einiger Wider— 
stand gegen die Auffassung grade Opitzens bemerkbar: so in 
Straßburg, wo im Jahre 16383 nach dem Vorbild des Palmen— 
ordens die Aufrichtige Tannengesellschaft gestiftet worden war, 
so auch in Nürnberg, wo die Pegnitz-Hirten des Gekrönten 
Blumenordens, der wie die Straßburger Gesellschaft erst nach 
Opitzens Tode (1644) aufkam, wenigstens nicht ausschließlich 
und unmittelbar von Opitz abhängig sein wollten, indem sie 
mit dem niederländisch-französischen Wesen seiner Lehre italienische 
Einflüsse von erschlaffender Süßlichkeit und barockem Schwulste 
verbanden. 
Aber alle diese Bewegungen blieben schließlich doch ohne große 
Bedeutung, da das Widerstreben von keinem dichterischen Genie 
getragen ward. Denn wie die Straßburger so hielten sich auch 
die Nürnberger Dichter, ein Harsdörffer (1607-1658) oder 
Klaj (1616 -1656), die Gründer des Ordens, sowie Sigmund 
von Birken (1626—1681) ganz in den Grenzen des renaissance— 
mäßig Konventionellen, ja sie sind für eben dieses besonders 
Harakteristisch; hier vor allem ist zuerst das Übermaß einer 
üppigen Form bei schwülstig-unsinnigem Inhalte, ist die 
Metapher und die Onomatopoesie, der bombastische Klingklang 
überhaupt und die höfisch-schäferliche Einkleidung übermäßig 
gepflegt worden. Oder sollte etwa eine Poesie großer Wir— 
kungen fähig gewesen sein, von der ein Siamund von Birken 
hbekannte: 
Das Herz ist weit von dem, was eine Feder schreibet, 
Wir dichten ein Gedicht. daß man die Zeit vertreibet.
	        
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