Weitere musikalische und literarische übergänge. 375
späteren Geschlechtern als eine Tat von revolutionärer Größe
erschien, und vor allem die Tatsache, daß erst gegen Schluß
des 18. Jahrhunderts in der Abhandlung Hirts über das
Kunstschöne vom Jahre 1797 eine auch noch ziemlich allgemein
gehaltene Formulierung der Asthetik der bildenden Künste des
fubjektivistischen Zeitalters gegeben wurde, jener Asthetik, die das
Wesen der künstlerischen Reproduktion nicht in irgendwelcher
iußeren Nachahmung, sondern in dem freien Schaffen der künstle⸗
rischen Phantasie von innen her zu finden meint.
Inzwischen aber war Lessing als Theoretiker nach der
anderen, der Malerei abgewandten Seite unendlich viel frucht⸗
harer geworden, nach der Seite der Dichtkunst. Freilich hatte
auch hier schon vor ihm der Einfluß der Antike und leiser
Regungen eines künftigen Subjektivismus eingegriffen; und so
müssen wir zunächst rückwärts greifen, wollen wir Lessings
Stellung auf diesem ihm vor allem wichtigen Gebiete ver⸗
stehen.
Der Streit zwischen Gottsched und den Schweizern war da
das erste entschiedene Symptom des Nahens eines neuen psychischen
Zeitalters auch der Dichtung gewesen. Freilich: nur in ge—
ringen Ansätzen hatte dabei das Neue auf seiten der Schweizer
schon durchgeleuchtet; im Grunde hatten beide Parteien noch
auf der alten rationalistischen Grundlage gestanden, und Gott—
sched hatte dementsprechend noch schlechtweg die Lehrbarkeit der
Poesie als einer Nachahmung der Natur behauptet. Demgegen—
über hatten dann die Schweizer die Dichtung zwar auch noch
als eine Nachahmung der Natur gefaßt: ausdrücklich erklärte
sie Breitinger als solche. Aber darüber hinaus war ihnen
doch auch schon eine neue und höhere Anschauung nahegetreten,
der zufolge die Dichtung als eine Phantasietätigkeit zu verstehen
war. Und sie hatten dieser Anschauung, ohne ihren Kern voll⸗
ständig bloßzulegen, immerhin bereits zweierlei Momente des
Fortschrittes entnommen. Einmal die Lehre, daß in der Poesie