Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

26 Neunzehntes Buch. Erstes Kapitel. 
nachgeahmt und nacherlebt. Jetzt war es nicht mehr bloß der 
pfälzische Hof, der unter dem trefflichen, jovialen Karl Ludwig, 
dem Vater der Liselotte von Orleans, französischem Einfluß 
Bahn brach: immer allgemeiner wurde die Nachahmung des 
französischen Wesens; am braunschweigisch-hannoverschen Hofe 
fand es bald darauf eine mächtige Stütze auch in Norddeutsch— 
land, und die Vorboten der Zeit stellten sich ein, die der Anti— 
macchiavell Friedrichs des Großen mit den Worten geschildert hat: 
„Il n'y a pas jusq'au cadet d'une ligne apanagée, qui ne 
s'imagine d'ôtre quelque chose de semblable à Louis XIV; 
il bätit son Versailles, il a ses maitresses et entretient ses 
armées.“ 
Dabei griffen, eben weil Hof und Adel die Nation sozial 
beherrschten, die fremden Einflüsse allmählich beträchtlich tiefer. 
Moscherosch spricht in seinen „Gesichten“ schon ganz allgemein 
von den „neusüchtigen Teutschlingen“; wollte man deren Herz 
öffnen, „man würde augenscheinlich befinden, das Funffachtheil 
derselben Frantzösisch, Ein achtheil Spanisch, Ein achtheil Ita⸗ 
liänisch, Ein achtheil doch nicht wohl Teütsch daran solte gefunden 
werden.“ Und an anderer Stelle meint er, den meisten Deutschen 
gelte Paris als eine kleine Welt, als das Compendium orbis 
terrarum, als abrégé du Monde. 
War damit dem französischen Einfluß eine beinahe un— 
begrenzte, wenn auch von Vaterlandsfreunden immer und 
immer wieder beklagte Aufnahmefähigkeit gesichert, so ergoß sich 
nunmehr die französische Kultur in allen ihren Bildungen durch 
die gestürzten Schranken. 
Zunächst trat da ein Zusammenhang auf, der sich in 
keiner der früheren Rezeptionen auch nur annähernd so deutlich 
gezeigt hatte. Diese waren durchschnittlich und vornehmlich 
Aufnahmen geistiger Errungenschaften gewesen; der halb 
kommunistische Charakter alles geistigen Eigentums hatte sich in 
ihnen offenbart; recht eigentlich waren da die Gedanken zollfrei 
gewesen. Jetzt trat neben den geistigen Import der materielle: 
massenhaft wanderten französische Industrieartikel ins deutsche 
Land; es war nicht mehr der gewohnte Handelsverkehr im
	        
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