Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

übersicht der fremden Kultureinflüsse vom 16. bis ins 18. Jahrh. 29 
ein Canitz, Besser, Wernicke, Neukixch sind schon um 1700 seine 
fast absoluten Vertreter gewesen. 
Wahrend sich aber die schweren und massigen Einzelelemente 
des Kulturzeitalters Ludwigs XIV. in Deutschland immerhin 
nur langsam vorschoben, erlebte Frankreich selbst einen be— 
deutungsvollen Umschwung seines inneren Daseins. Nach dem 
Tode des großen Königs übernahm politisch der ehrgeizige und 
sittenlose Herzog von Orleans ein Regiment, das seinen Aus— 
druck in den wüsten Spekulationen Laws fand; und künstlerisch 
trat an die Stelle der großen Architektur Manfards, Perraults, 
Blondels und der ihr zugeordneten Künste in Malerei und 
Bildnerei das Rokoko; man löste sich los vom Stile der Antike, 
den man noch im Barock besonders versinnlicht zu haben glaubte, 
und ging, angeblich über die Alten hinaus, den eigenen Weg 
der Commodité, der Bienscance und der Convenance. Es ist 
derselbe Zug nur praktischer Forderungen, der auch die Literatur 
beherrschte: der klassische Stil der schwungvollen Dramen des 
17. Jahrhunderts räumt den Platz; ein kleineres Geschlecht 
rüttelt an den Gesetzen Boileaus und unternimmt es, neue, ein— 
leuchtendere Prinzipien zu schaffen. 
Der Stil der Roͤgence ist in Frankreich bald hart durch 
das wachsende geistige UÜbergewicht Englands betroffen worden. 
Der unabsehbare Aufs chwung des Inselreichs hatte seit dem revo⸗ 
lutionären Ringen des 17. Jahrhunderts einen Milton, Algernon 
Sidney, Locke gezeitigt; jetzt begann man sie in Frankreich zu 
würdigen: der englische Deismus mit der Dreiheit seiner Ideale, 
Gott, Freiheit, Unsterblichkeit, erschien als Allheilmittel gegen— 
über der faden Frivolität der Beamten, des Hofes, des Staates, 
und Voltaire ward zu seinem begeisterten Propheten. 
Auf deutschem Boden hatte man inzwischen die Kunst der 
Roͤgence aufgenommen; mehr als das französische Barock hat 
sie seit etwa 1720 Epoche gemacht, wenn auch vornehmlich nur 
im Profanbau mit dem Zubehör einer Malerei und Plastik, die 
zur Architektur jetzt ganz in dienende Stellung gebracht worden 
waren; der kirchliche Bau verharrte im Barock, und italienisches 
Barock blieb in Osterreich selbst für Profanbauten gewöhnlich.
	        
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