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Neunzehntes Buch. Zweites Kapitel.
unter der Verkleidung eines alamodischen Schäfers gefeiert.
Zunehmend trat dann dieser gegenstandslose Widerspruch gegen
gekünstelte Pedanterie und geschraubtes Hofleben in der zweiten
Hälfte des 17. Jahrhunderts auf; aber er reichte noch weit
ins 18. Jahrhundert hinein; in dieser Zeit hat Adriaen
von der Werff in seinen geleckten bukolischen Bildern, jenen
hochbusigen Schäferinnen im Atlashemd, noch in verhältnis—
mäßig deutsch gebliebener Malerei einen seiner besten künstle—
rischen Ausdrücke geschaffen; damals hat sich noch der alte
Goethe mit seiner Familie zur Zeit, da sein großer Sohn
noch ein Knabe war, im Schäferkostüm malen lassen. Und
erst Empfindsamkeit und Sturm und Drang haben dem Un—
wesen Abbruch getan. Aber selbst ein Günther erinnert sich
noch „der vorigen Zeiten und guten Freunde unter einem
Schäfergedichte“, und in der Landschaftsmalerei, der Por—
zellanplastik und dem musikalischen Liederspiele haben sich
Reste der alten Liebelei bis ins 19. Jahrhundert hinein ge—
rettet.
Inzwischen aber war in der ersten Hälfte des 18. Jahr—
hunderts eine noch viel wunderlichere Form der Selbstironie
und ungefährlichen Reaktion gegen das eigene Selbst auf—
getreten: die Chinoiserie. Bei ihr handelt es sich nicht um
eine Hochflut des Hinabtauchens in die Natur, sondern um
den Eintritt in die Vorstellungen einer Kultur, die man sich
als besonders hoch entwickelt und in sich beruhigt vor—
stellte. Denn den oberen Zehntausend erschien damals China,
das man teils durch die glänzende wissenschaftliche Literatur
der Jesuiten, mehr aber noch durch die Erzählungen und
Importe holländischer Kaufleute gründlichst glaubte kennen
gelernt zu haben, als das Land vollendeter Weisheit und
Güte. Dort, an den Wassern des abgewandten Ozeans, lebte
eine Nation gleichsam von Kong-fu-tses; bei ihnen war die
Vernunft, dieser der Natur entgegengesetzte Pol der Ent—
wicklung, verwirklicht und das Ideal der intellektualistischen
Kultur des 16. bis 18. Jahrhunderts mindestens nahe herbei—