Drittes Kapitel.
Weitere Entwicklung des Intellektualismus:
Höhezeit und Grenzen des rationalistischen Denkens.
Überschauen wir die gesellschaftliche Entwicklung des 17.
und der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, soweit sie auf die
geistige unmittelbar Einfluß gewann, so kann das Ergebnis
weder als einfach noch als im Sinne klarer nationaler Ent—
wicklung besonders günstig bezeichnet werden.
Die Kultur des 16. Jahrhunderts und allenfalls auch noch
der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts hatte eine vollkommen
ausgebildete und unzweifelhafte soziale Grundlage gehabt; sie
war eine Kultur des deutschen Bürgertums gewesen trotz
mancher anders gearteter Einflüsse benachbarter Nationen, ja
trotz der großen humanistischen Renaissance. Eines so ein⸗
heitlichen gesellschaftlichen Unterbaues erfreute sich die Kultur
des Jahrhunderts von 1650 bis 1750 nicht: sie war zwar
fürstlich-adlig charakterisiert, aber dieser Charakter erhielt durch
den langsamen Eintritt gewisser Kreise des Bürgertums in die
neue geistig-soziale Kombination eine besondere Schattierung,
die in keinem Jahrzehnt dieselbe blieb. Außerdem aber war
die neue Kultur so stark von außen her beeinflußt, daß es
schwer hält und nur beim Eintreten in die detaillierteste Dar—
stellung völlig möglich ist, die im einzelnen Falle vorhandene
Mischung verschiedener heimischer und fremder Elemente be—
friedigend darzustellen.