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Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Allein ihre Kenntnisse, die dem Zeitalter des Humanismus auf
dem Wege der schriftlichen Überlieferung langsam wieder er⸗
schlossen wurden, blieben im 16. und 17. Jahrhundert ohne
tiefere Wirkung, weil die Art ihrer Tradition in rein deduk—
tiven Beweissätzen, wie sie dem Wesen der antiken Mathematik
entsprach, einen Einblick in die Vorgänge, welche zu den be⸗
haupteten Ergebnissen geführt hatten, fast völlig ausschloß.
Neben der wiedererwachenden Überlieferung der Alten aber
bestand im 16. und 17. Jahrhundert schon vom Mittelalter her
ein gewisses Maß praktischer mechanischer Kenntnisse, besonders
hinsichtlich der bei Bauten, Befestigungswerken und Schiffs-
arbeiten angewandten Mittel zur Bewegung schwerer Lasten;
doch waren diese Kenntnisse während des Mittelalters niemals
auf grundsätzliche Anschauungen zurückgeführt worden.
Im ganzen konnte man daher am Schlusse des 15. Jahr⸗
hunderts sagen, daß die Mechanik in den anderthalb Jahr—
tausenden seit Archimedes grundsätzliche Fortschritte nicht ge⸗
macht habe. Um diese Zeit aber begannen nun allenthalben
schüchterne Versuche, aus der praktischen Kenntnis zu den ihr
zugrunde liegenden Gesetzen vorzudringen und aus der Be⸗
obachtung eines Falles die Regel für tausend andere derselben
Art zu entwickeln. Zuerst taͤucht hier als richtunggebend der
erlauchte Name Lionardo da Vincis (14521519) auf;
Lionardo kannte schon das Bewegungsgesetz auf der schiefen
Ebene und hatte zutreffende Vorstellungen vom stetigen Wachsen
der Geschwindigkeiten beim Fallen der Körper. Allein was ihm
und verwandten Denkern im 16. Jahrhundert noch fehlte, das
war eine so genaue Beschreibung der Phänomene, daß es möglich
gewesen wäre, von den ihnen zugrunde liegenden Momenten in
einfachen Formeln zu reden.
Hier brachte erst das 17. Jahrhundert die Lösung. Im
Jahre 1605 erschienen die „ Hypomnemata mathematica“ des
niederländischen Mathematikers Simon Stevin, des hoch—
gemuten, schon für die Muttersprache als Gelehrtensprache
eintretenden Ingenieurs des Prinzen Moritz von Oranien: sie
leiteten das Gesetz der schiefen Ebene aus der Betrachtung einer