Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Übersicht über den inneren Verlauf des individualistischen Zeitalters. 7 
noch bis 1840 und länger, zeigte demgegenüber den klaren 
Ausdruck des Zeitalters vom Vernunftvollen bis zum Nüchternen, 
vom noch menschlich Vollsäftigen bis zu einem Punkte, da 
alles, auch die Kunst und die Macht, als auf dem Wege der 
Verstandestätigkeit erreichbar betrachtet wurde. In ihr er— 
schienen also die Konsequenzen der seelischen Entwicklung deut⸗ 
lich und umfassend gezogen, um so mehr, als der Einfluß des 
Altertums zurücktrat oder nur noch ins rein Rationale umgebogen 
fortwirkte. Nun wuchs allerdings demgegenüber und gleichsam 
zum Ersatze der Einfluß der fremden Nationen, eine Folge— 
erscheinung jenes Rückganges der deutschen materiellen Kultur 
wenigstens des Binnenlandes seit der zweiten Hälfte schon des 
16. Jahrhunderts, der noch wesentlich durch die Einwirkungen 
des dreißigjährigen Krieges verschärft wurde; aber dieser Ein— 
fluß erfolgte von Kulturen her, die sich schon im selben, 
nur etwas weiter fortgeschrittenen Entwicklungsgange befanden 
wie die deutsche und der deutschen auch sonst in wesentlichen 
Stücken verwandt waren: so daß er den Verlauf unserer Ge— 
schichte zwar verwickelte, aber längst nicht in dem Grade ein— 
gehend und umgestaltend bedingte, wie dies die Renaissance 
des 16. Jahrhunderts getan hatte. 
Dieser allgemeinste und tiefere Verlauf der seelischen Ent— 
wicklung vom 16. bis zum 18. Jahrhundert läßt sich nun in 
seinen Einzelwirkungen auf jeglichem Gebiete des Geisteslebens 
und der einzelnen psychischen Betätigungen verfolgen. 
Am tiefsten und klarsten vielleicht im Bereiche des mora— 
lischen und religiös-philosophischen Lebens, in Sitte, Welt—⸗ 
anschauung und Glauben. Während das sittliche Leben des 
16. Jahrhunderts noch einen Wirrwarr der verschiedensten Er— 
scheinungen aufwies — die oberen Stände, selbst die Fürsten, 
verharrten wesentlich noch in der bürgerlichen Sitte der feinsten 
städtischen Kreise der ersten Jahrzehnte des Jahrhunderts, die 
Humanisten lebten halb römisch, die Bauern noch mittelalter— 
lich —, standen das 17. und 18. Jahrhundert in steigendem 
Grade und in allen Schichten uͤnter dem Einflusse rationaler 
Nutzlichkeitslehren. Und wenn in der Philosophie das 16. Jahr—
	        
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