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Zweiundzwanzigstes Buch.
Kapitalbildung zu produktiven Zwecken lange Zeit be—
einträchtigten: erst im Laufe des 18. Jahrhunderts ist es
recht zum Erwerb neuer Produktivkapitalien gekommen. Was
aber die Bevölkerung angeht, so hatte sie während des 17. Jahr—
hunderts mehr wie irgendwo sonst durch die furchtbaren Jahre
des großen Krieges gelitten: was wollen demgegenüber auch
anderswo vorhandene Schädigungen des wirtschaftlichen Be—
völkerungsstandes durch Ausbildung des Söldnertums der
stehenden Heere, durch Auswanderung, durch große Hungers—
nöte und Sterben, ja selbst durch Religionsverfolgungen be—
fagen! Mehr wie ein anderes Land hatte daher Deutschland
hier nachzuholen und zu bessern; und dies war um so schwerer,
als das 18. Jahrhundert dem 19. an Lebensdauer der Genera⸗
tionen und auch an Zahl und Fruchtbarkeit der Ehen nach—
stand: kein Wunder, daß der Peuplierungsgedanke den deutschen
Regierungen durch mehr als ein Jahrhundert nach dem Dreißig⸗
jährigen Kriege ständig im Sinne gelegen hat.
Indes seit Anfang des 18. Jahrhunderts war der Be—
völkerungsverlust des Dreißigjährigen Krieges dennoch ersetzt;
schon kam es in einigen besonders volksreichen Gegenden, der
Pfalz und Württemberg, zu erneuter Auswanderung nach
anderen Ländern Europas, ja über das große Wasser; und
mußte man um diese Zeit für die stärker erwachende Industrie
noch Landstreicher und Zwangshausinsassen als Arbeiter pressen,
so bildeten sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts doch
schon größere Anfänge einer industriellen Arbeiterschaft. Es ist
die Zeit, in der zugleich die größeren Städte mehr zu wachsen
begannen, allen vorweg Berlin, das 1740: 68000, 1750:
39000, 1755: 100 000 Einwohner zählte und damit Nürnberg
und Dresden, Danzig und selbst Hamburg um mehr als die
Hälfte überholt hatte, wenn es auch gegen Wien oder Venedig
und Rom oder gar Amsterdam, Paris und London noch immer
zurückblieb.
Zu gleicher Zeit aber, seit etwa 1740, waren die An—
zeichen erneuter und zunehmender produktiver Kapitalbildung
schon augenscheinlich. Der große Soziologe Süßmilch ver—