Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 221 
sie ihn schufen und verknüpften, sind maßgebend geworden 
nicht bloß für die erste Periode des Subjektivismus: auch die 
Gegenwart, wenn sie sich in den verworrenen Lebens⸗ und 
Forschungsproblemen der zweiten Periode zurechtfinden will, 
schaut in dankbarer und zugleich führungsbedürftiger Hoffnung 
auf die radikalen Lösungen der wichtigsten subjektivistischen 
Probleme zurück, wie sie das Werk Herders und Kants, 
Schellings und Fichtes, der Psychologie und der Natur⸗ 
philosophie dieser Frühzeit gewesen sind. Denn das ist der 
unvergängliche Vorteil aller Anfangsperioden seelischer Zeit⸗ 
alter, daß in ihnen die Rätsel der kommenden Lebensgestaltung, 
weil im Kontraste zur Lebenshaltung des vorhergehenden Zeit⸗ 
alters erblickt, mit einer grundsätzlichen und hellsehend radikalen 
Deutlichkeit geschaut werden, deren Glück späteren Abschnitten 
desselben Zeitalters nur zu häufig versagt ist. 
War indes mit diesem Übertritte der gelehrten Welt in 
den Bereich der neuen Bildung, mit ihrer damit erreichten 
außerordentlichen Stellung im Geistesleben des Subjektivismus 
sozialgeschichtlich so außerordentlich viel gewonnen? Man er— 
innere sich, daß aus der philosophischen Fakultät des 18. Jahr— 
hunderts fast noch gar keine, aus der medizinischen Fakultät 
nur wenige und an Zahl geringe Berufsstände hervorgingen. 
Sozialgeschichtlich waren die theologischen und juristischen 
Stuͤdien noch von ungleich größerer Bedeutung; und da die 
Geistlichkeit sich durch rationalistische Unterwühlung des dogma⸗ 
tischen Christentums und damit auch vielfach der Kirche einst⸗ 
weilen in den Hintergrund der Entwicklung gedrängt sah, so 
handelte es sich vor allem um die Juristen; noch galt das 
borwurfsvoll gemeinte Wort des Cellarius: Jus. jus. jus. et 
nihil plus! 
Juristerei aber hieß Beamtentum. Im Beamtentum aber 
stießen, wie schon früher, zwei der älteren Berufsstände, der 
der Bürger und der der Adligen, zusammen. Konnte es dabei 
den Anschein haben, als wenn zunächst der bürgerliche Bestand⸗ 
teil den adligen in die neue Kultur habe hineinreißen müssen, 
so stand dem entgegen, daß im Verlaufe des 18. Jahrhunderts
	        
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