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Zweiundzwanzigstes Buch.
Verlauf der Entwicklung wahrzunehmen: in wie anderen Weisen
haben nacheinander Gottsched, Gellert, Klopstock, Schiller,
Goethe mit deutschen Fürsten geredet. Und so blieb es denn
dabei: während sich um 1700 das deutsche Bürgerleben ver⸗
fürstlicht hatte, verbürgerlichte sich um 1800 das Fürstenleben;
die Bildung in doch wesentlich bürgerlicher Form hatte ge—
siegt, wenn sie sich auch in den höchsten Erzeugnissen des
Klasfizismus auf allen Gebieten, und vornehmlich dem der
Dichtung, zu schönsten Höhen aristokratischen, adligen Emp⸗—
findens erhob und damit auch die Geburtsaristokratie der Nation
schließlich zu einem nicht geringen Teile fesselte.
Suchen wir jetzt zu einer Übersicht des Gesamtverlaufes
zu gelangen, so läßt sich sagen: gewiß waren die Entwicklung
der deutschen Bildung des 18. Jahrhunderts und das Empor—
blühen eines neuen Wirtschaftslebens zunächst getrennte Vor⸗
gänge, die allgemeiner vielleicht nur insofern zusammenhingen,
als dies Wirtschaftsleben noch ein Dasein der Muße ermög—
lichte, das geistigen Interessen zugute kommen konnte: — allein
gleichwohl bleibt bestehen, daß der Träger dieses neuen Wirt—
schaftslebens, das Bürgertum, doch auch zugleich der Haupt—
sache nach der Träger der neuen Bildung war, und daß diese
daher bei allem Universalismus einen spezifisch bürgerlichen
Charakter annahm.
Es ist ein Ergebnis, das eigentlich nicht überraschen kann,
denn es findet Analogien in der früheren Geschichte unseres
Volkes. Die Ministerialität des 12. Jahrhunderts, aus der
siich das niedere Rittertum der Stauferzeit vornehmlich rekru—
tierte, war ein wirtschaftlich aufsteigender Stand; sie ist zu—
gleich auch soziale Trägerin der ritterlichen Bildung des 12.
und 183. Jahrhunderts gewesen. Der Humanismus des 18.
und 16. Jahrhunderts gehörte der wirtschaftlich aufs ge—
waltigste fortschreitenden Bildung des Bürgertums dieser Zeit
an, und bürgerlich war auch die allgemeine Kultur der Re—
formation und Renaissance.
Indem aber diese Analogien herangezogen werden, ergibt
sich zugleich ein Unterschied, der auf den schließlichen Verlauf