Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 229 
der Bildung des 18. Jahrhunderts ein starkes Licht wirft. 
Die Bildung der ritterlichen Gesellschaft war wesentlich ästhetisch, 
denn sie beruhte auf den Tageseindrücken eines vornehmlich 
kriegerischen Berufes. Die Bildung des 16. Jahrhunderts ist 
ästhetisch und intellektuell zugleich gewesen; spiegelte sich einer⸗ 
seits in ihr schon das tägliche Verstandesdasein des Bürger— 
tums ab, so empfing sie doch durch den Humanismus, wenigstens 
in ihrer vollsten Blüte, noch die Impulse eines starken Phantasie— 
lebens. Die Bildung des 18. Jahrhunderts war im Grunde 
vornehmlich intellektuell: ihre sozialen Träger waren diejenigen 
Schichten des Bürgertums, die am meisten dem Kalkül, der 
verstandesmäßigen Abwägung, dem Rechnen lebten. Und so 
ist Intellektualismus ein Grundbestandteil dieser Bildung von 
Anbeginn; kein Enthusiasmus der Dichtung, kein Mystizismus 
der Philosophie um 1800 kann darüber hinwegtäuschen. Im 
19. Jahrhundert ist dann diese starke Bevorzugung der Ver— 
standeskräfte an entscheidender Stelle, im allgemeinen Charakter 
der Erziehung und des Unterrichts immer stärker hervor— 
getreten. Zugleich aber ergibt sich, daß die neue Bildung in 
dieser Einseitigkeit den herandrängenden sozialen Problemen 
des 19. Jahrhunderts je länger je weniger gewachsen sein 
mußte. In Zeiten neuer sozialer Bildung haben sich ihre 
Vertreter gegen die Geldaristokratie devot, gegen den vierten 
Stand und die Demokratie hochmütig: in beiden Fällen also 
ratlos erwiesen, und so war in dieser Richtung ihr Schicksal 
besiegelt. 
Die Bildung des 18. Jahrhunderts als Ganzes lebt heute 
nur noch in Trümmern fort; neue Kräfte sozialen und geistigen 
Charakters sind erstanden, nicht das Bürgertum allein ist noch 
auch nur hauptsächlichster Träger des nationalen Geisteslebens: 
von neuen Grundlagen streben wir neuen Idealen zu. 
Aber über ein Jahrhundert, von der Mitte des 18. Jahr⸗ 
hunderts bis über die Mitte des 19. Jahrhunderts, hat dies 
ältere Geistesleben, aus so merkwürdigem Grunde heraus ge— 
boren, die Nation beherrscht, eine der gewaltigsten Erscheinungen 
unserer Geschichte: und so wird es die Aufgabe unserer Er—
	        
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