Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 241 
der Reformationszeit, obgleich aus ganz anderen Gründen, die 
Vernunft der Welt erst recht als eine Metze, wenn sie ein 
galanteres Zeitalter auch nur als „Störerin der Empfindung 
und des Vergnügens“ tadelte; und gleichzeitig nahm der 
Geschmack an den geistigen Perversitäten des Daseins zu: 
Ahnungen, wunderbare Träume, Wahnsinn, Selbstmord⸗ 
stimmungen trage man ihm vor, klagt Moritz in seinem Magazin 
für Erfahrungsseelenkunde (1762 f.), während Nachrichten über 
normales Seelenleben selten seien. Es ist die Zeit, in der 
auch viele der Besten dem allgemeinen Zuge der Entwicklung 
merkwürdige Zugeständnisse machten. Die einfachsten Grund— 
lagen der sittlichen Welt begannen angezweifelt und bestritten 
zu werden; ein flaues und halbhysterisches Interesse für Ver— 
brecher trat ein, man forderte die Abschaffung der Todesstrafe, 
und die poetische Verherrlichung von Kindesmörderinnen wurde 
zu einem typischen Zuge der Zeit: bis Goethe das Thema 
aus der massiven Diskussion der Bürger, H. L. Wagner und 
Sprickmann in die lichten Höhen der Fausttragödie emporzog. 
Aber auch im übrigen wurde eine das Ziel weit überholende 
Kritik sozialer und sittlicher Einrichtungen beliebt; es bedarf 
nur der Lektüre einiger Dramen des Sturmes und Dranges, 
z. B. von Klingers Leidendem Weib oder Lenzens Hofmeister, 
um sich davon zu überzeugen. Von diesen Exzessen des sitt⸗ 
lichen Gefühls aber war dann nur noch ein Schritt zu Exzessen 
auch der Anschauung; der Spiritismus gewann zusehends An⸗ 
hänger und breiteres Feld, bis Gaßner und Mesmer Triumphe 
feierten. 
Aus alledem ergab sich auch für breitere Schichten min— 
destens die äußerliche Nachahmung des Genialen. Weg, hieß 
es jetzt, mit den turmhohen Toupets, den übers Maß festen 
Schnürleibern, den stelzenartigen Absätzen der Stöckelschuhe; 
weg mit Puder und weg mit Reifrock. Statt dessen wurde 
eine natürlichere Haartracht Losung, und ihr sekundierte die 
Mode langwallender Kleider für die Frauen, während den 
Männern die Werthertracht in der Einfachheit ihres Schnittes, 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 1. 16
	        
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