Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 271 
sie blieb gebunden an eine Auseinandersetzung mindestens mit 
dem urgewaltig geschichtlichen Elemente des Christentums. 
Freilich: zunächst glaubte man sich völlig aus sich, völlig 
frei von historischen Beziehungen entfalten zu können. Wenn 
Goethe den Franz im Götz von Berlichingen ausrufen läßt: 
„So fühl' ich denn in dem Augenblick, was den Dichter macht, 
ein volles, ganz von Einer Empfindung volles Herz“: — so 
hätte er, wie mehr als eine Stelle des Faust beweist, ungefähr 
das Gleiche vom Frommen behaupten können. Und für die 
Besten einer gärenden Frühzeit des Subjektivismus spricht 
Goethe nicht minder in der berühmten Stelle: „Nur so schätze, 
liebe, bete ich die Zeugnisse an, die mir darlegen, wie tausend 
oder einer vor mir eben das gefühlt haben, das mich kräftigt 
und stärkt. Und so ist das Wort der Menschen mir Wort 
Gottes, es mögen's Pfaffen oder Huren gesammelt, zum Kanon 
gestempelt oder als Fragmente hingestellt haben; und mit 
inniger Seele falle ich dem Bruder um den Hals, Moses, 
Prophet, Evangelist, Apostel, Spinoza oder Macchiavell, darf 
aber auch zu jedem sagen: lieber Freund, geht dir's doch wie 
mir: im einzelnen sentierst du herrlich, das Ganze aber ging 
in eueren Kopf so wenig als in den meinen.“ 
Aber konnten eben die Besten, wenn auch frei vom 
Christentum, in dieser Haltung einer absoluten Gefühls— 
frömmigkeit verharren? Je reicher, stärker und nachhaltiger 
sich die Gefühlsinhalte gestalteten, um so mehr mußten sie zu 
festeren Vorstellungen führen, und indem in diesem Zusammen— 
hange die Mannigfaltigkeit der Affekte zunahm, war dafür 
gesorgt, daß sich mit der religiösen Empfindung auch, wenn 
auch in begrenztem Grade, Willensvorgänge verbanden. So 
kamen edle Geister, die dieses Weges zogen, zwar zu keinem 
der Vorstellung nach völlig fest umschriebenen, um so mehr 
aber zu einem mit festerer Stimmung erfüllten quietistischen 
Frömmigkeitsideal, dessen Funktion Goethe im hohen Alter mit 
den klassischen Worten umschrieben hat: „Frömmigkeit ist kein 
Zweck, sondern ein Mittel, um durch die reinste Gemütsruhe 
zur höchsten Kultur zu gelangen.“
	        
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