Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Der Charakter des subjektivistischen Zeitalters. 35 
psychologische, ethnologische, kulturgeschichtliche Bestrebungen 
des 19. Jahrhunderts gelangen in diesen Worten zu ahnungs— 
ooller Andeutung. 
Indem aber der Mensch des neuen Zeitalters über sich 
hinweg in breiteste Einflußsphären seines Geistes und Willens 
strebte, erhielt sein Wesen etwas ewig Unbefriedigtes: denn 
da andere der gleichen Anlage waren und sind wie er, so er— 
gab sich alsbald ein unendlich verschärfter Wettbewerb, und 
da sich zudem passive Widerstände der breiten Umwelt ein— 
stellten, so störte zugleich die „Tücke des Objekts“. Schon 
Goethe hat diese Empfindung von gemindertem Glücke, ge— 
hemmter Tätigkeit und unbefriedigten Wünschen als allgemeinen 
Zug der neuen Zeit erkannt und zuerst, wenn auch in einem 
pathologischen Extrem, in Werthers⸗ Leiden zur Darstellung ge— 
bracht. 
Eine verhältnismäßig milde Form dieses Unbefriedigtseins 
trat dann ein, wenn das Individuum, das darnach strebte, sich 
ein besonderes Weltbild im eigenen Inneren zu erbauen, um 
es nach außen wirken zu lassen, die Erfahrung machte, daß 
die Welt, wie sie ist, hinter dem geschaffenen Bilde zurück⸗ 
blieb. Dann zog der Weltschmerz in ihm ein: Verzweiflung 
an der Welt und Verzweiflung an dem Schöpfer des falschen 
Bildes: Verzweiflung am eigenen Selbst. Es ist eine Form, 
die in fortgeschrittenen Zeiten des Subjektivismus vornehmlich 
iugendlichen Köpfen eigen ist; in den Anfängen des Zeitalters 
war sie für eine ganze Periode bezeichnend. Indem nun aber 
im Verlaufe des Zeitalters das neu Weltbild, wie es dem 
allgemeinen Fortschritte eines mit wachsender Breite sich ent⸗ 
wickelnden Seelenlebens entsprach, immer klarer wurde, und 
damit zugleich die individuel— Konstruktion einer Welt— 
anschauung von immer konkreteren Gegebenheiten ausging, 
wurde bei einem Fehlgriffe der individuellen Zeichnung die 
Kollision immer heftiger, schwerer, verhängnisvoller. Und so 
entstand neben dem Weltschmerz des Pessimismus und schließlich 
neben dem Pessimismus das Prometheusgefühl als Zeitausdruck, 
der Satanismus.
	        
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