Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Der Charakter des subjektivistischen Zeitalters. 37 
egoistischen Subjektivismus zur Betonung gerade der sozialen 
Seite des Daseins führen? Oder wem unter den denkenden 
Zeitgenossen der Gegenwart liegt die Befürchtung fern, daß 
unsere Kultur zugrunde gehen könnte, wenn nicht die altruisti⸗ 
schen Triebe der Träger dieser Kultur gestärkt würden? 
Und so erschien die subjektivistische Persönlichkeit wohl 
als das grundlegende Element der neuen Welt, aber diese 
selbst als Organismus mußte sozial gestaltet werden, wenn 
auch die neue Gestaltung nicht mehr als geistig gebunden, 
sondern als seelisch frei und darum unendlich wandelbar er⸗ 
scheinen mochte. Und damit zogen in diese neue Welt tausend 
neue Gemeingefühle ein, von dem Gefühle einer neuen Freund⸗ 
schaft bis zum Kosmopolitismus, von dem Gedanken eines 
konstitutionellen Staatsbürgertums bis zur Idee der staatlichen, 
sozialen und wirtschaftlichen Gleichheit aller, vom Nationa⸗ 
lismus bis zum weltpolitischen Idealismus jüngster Zeit. Und 
sie kämpften insgesamt gegen die alten sozialen Gebunden⸗ 
heiten und die drohende Freiheit der Willkür zugleich: alle 
schließlich unter dem Gesichtspunkte, daß durch Staat und 
Gesetz der freiesten Bewegung der individuellen und auch der 
kollektiven Persönlichkeit nur eine äußerste Schranke gezogen 
werden dürfe, während innerhalb dieses weitabgesteckten Ge⸗ 
hietes der neuen Kultur das Recht der Selbstentwicklung zu 
wahren sei. 
Doch wir haben hier nicht schon der Durchbildung der Gemein⸗ 
gefühle nachzugehen, die auf Grund dieser allgemeinen Ten⸗ 
denzen in einer unerhörten Mannigfaltigkeit von Institutionen 
erfolgt ist. Was uns fesselt, ist die Rückwirkung auf den 
Charakter der allgemeinen Persönlichkeit, der Psyche überhaupt. 
Und da ergibt sich alsbald ein wiederum neues Verständnis 
dieser Persönlichkeit. Sie ist nicht bloß insofern Subjekt, als 
sie sich organische und unorganische Welt als Objekt zu unter⸗ 
werfen sucht, sie ist es auch insofern, als sie sich selbst die 
Normen setzt, die für ihr Leben und dieses Leben im Ver⸗ 
hältnis zu dem Dasein der Umwelt objektiv gültig sind: sie 
ist mithin keine willkürliche, sondern eine gefestigte Persön⸗
	        
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