Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Das subjektivistische Zeitalter i. seinem Verhältnis z. individualistischen. 65 
ein primäres Element. Um es an einem einzelnen Beispiel 
noch deutlicher zu kennzeichnen: wenn man es in den Zeiten 
des Rationalismus nicht zu einer Erkenntnis des Begriffes 
des Stiles brachte, so hing das gewiß mit der rationalen 
Anschauung von der Lehrbarkeit der Phantasietätigkeit zu— 
sammen, entsprach doch aber auch tiefer noch der Eigenart 
des Individualismus, sich die vielen seelischen Bedingungen 
eines phantasievollen Schaffens ausschließlich an das Einzel— 
individuum gebunden zu denken — während der Subjektivis— 
mus diese Isolierung des Individuums grundsätzlich nicht 
kannte und darum schon in seinen Anfängen auch enthusiastisch⸗ 
mystischen Auffassungen der Phantasietätigkeit freie Bahn schuf. 
Und wie sollte es denn auch anders sein? Sekundäre 
Gegensätze werden mit einem Teil ihrer Spannung stets 
in primären wurzeln. Diese aber sind für den Unterschied 
zwischen Individualismus und Subjektivismus natürlich in 
dem Charakter der Persönlichkeit als dem Diapason des ge— 
samten seelischen Lebens überhaupt gegeben. 
Auf diesem Gebiete ist das, was äußerlich am meisten als 
unterschiedlich zwischen Individualismus und Subjektivismus 
auffällt, zunächst wohl in der Äußerungsfähigkeit der beider⸗ 
seitigen Persönlichkeiten zu suchen: hier ein grundsätzliches 
Sichbeschränken auf sich selbst und den nächsten Umkreis dieses 
Selbst; dort ein reiches Auswirken nach außen, wie nachher 
ins eigene Innere zurück: ein Überströmen der Willens- und 
Gemütselemente der Seele in Natur und vor allem Mensch— 
heit, und im Gegensatze zu dem isolierenden Individualismus 
die reichste Entwicklung der Gemeingefühle. Aber dieser Unter⸗ 
schied führt doch noch nicht ganz in das Kernhafteste der beider⸗ 
seitigen Abweichungen. Näher treten wir diesem schon, wenn 
wir die Frage nach der spezifischen Freiheit des Diapasons, 
der Kollektivpersönlichkeit beider Zeitalter erheben. Hier läßt 
sich auf dem Gebiete, das die freiheitliche Entwicklung am 
besten zu übersehen erlaubt, auf dem religiösen, wahrnehmen, 
wie allerdings zugunsten des Subjektivismus ein wichtiger 
Unterschied besteht, der einen Fortschritt der Entwicklung be⸗— 
Lamprecht, Deuütsche Geschichte. VIII. 1. J
	        
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