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Einleitung.
Historiker zudem wird es immer näher liegen, zu erzählen, als
zu definieren; und seine Philosophie, der die mehr oder minder
starke Begrenztheit der Gedankenbauten der verschiedensten Zeit⸗
alter gegenwärtig ist, bleibt gern die des Aphorismus.
Immerhin aber mögen diese Andeutungen genügen, um
zeigen zu können, wie sich nun zwischen die Gegensätze von
Urzeit und Neuzeit die Kultur der mittleren Zeiten einschiebt.
Wenn wir uns dabei zunächst auf dem Gebiete der in—
tellektuellen Entwicklung umsehen, so wird dadurch zugleich das
bisher gezeichnete Bild ergänzt. Spricht man für die jüngste
Zeit von einer Freiheit der Willenstätigkeit in der Wahl des
Berufes, wie in der Ausübung sozialer und politischer Rechte,
die früher nie bestand, so läßt sich daneben eine Freiheit des
Denkens und der Meinungsäußerung wahrnehmen, die eben—
falls in früheren Zeiten, geschweige denn in der Urzeit, keinerlei
Gegenbild findet. Und wiederum wie bei der sozialen und
politischen Freiheit spielt hier das Moment des Bewußt-
Unbewußten herein. Der heutigen Freiheit des Denkens sind
wir uns in hohem Grade bewußt, denn sie ist erkämpft worden
und muß gelegentlich noch erkämpft worden; die Gebunden—
— D
Bewußtsein.
Unter diesen Umständen nahm nun das Denken dieser
Zeit eine sehr eigenartige Form an. Da die Einheit des
Denkenden und der Welt als Denkstoff noch durch keinerlei
Bewußtsein der Denkfreiheit aufgehoben war, so wurde die
Welt nach Analogie des menschlichen Daseins, in gleichsam
unbewußter Einverleibung in menschliches Dasein, verstanden:
und ein durchgehender Symbolismus bevölkerte Baum und
Strauch mit konkreten, dem Menschen analog gestalteten
Bildungskräften, wie er den Donner Thor, das Wehen des
Windes Wotan, das Blitzen der Sonne Ziu zuschrieb. Es ist
genau der Gegensatz zum Denken des Kantschen Kritizismus
und der Philosopheme, die diesem folgten. Während diese
die Welt bewußt zu einer solchen der Vorstellung machen und
in diesem Sinne der menschlichen Seele einschreiben, vollzieht