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Einleitung.
Daß dabei freilich noch starke Reste des Primitiven auch
in sehr hoch entwickelten Kulturen bestehen bleiben, daß es sich
in der Entfaltung primitiven „unbewußten“ Bewußtseins zu
hohem „bewußten“ nur um polare Gegensätze handelt, darüber
bleibt für den geschichtlich Denkenden kein Zweifel. Welche
Bedeutung hat z. B. in unserer Sprache, unserem Denken
und Dichten nicht noch heute das Symbolische der germanischen
Urzeit! Kann man nicht geradezu sagen, daß auf den meisten
Gebieten auch heute noch die Synthese des Inneren und
Außeren, die Verinnerlichung des AÄußeren, die Verkörperung
des Geistigen nur metaphorisch gewonnen wird?
So heißt es denn auch auf diesem Gebiete letzter Synthese,
zu dem ein Historiker sich heutzutage wird äußern wollen, vor—
sichtig sein — vorsichtig und bescheiden. Denn hohe intellektuelle
Werte werden nur sehr schrittweise, unter stärkster Anstrengung
und bei größter Nüchternheit des Denkens trotz aller heuristischen
Phantasie gewonnen.
Gewiß haben frühere Zeitalter, und je weiter man zurück⸗
blickt, um so mehr, zahlreichere allgemein feststehende Wahr—
heiten gehabt oder zu haben geglaubt als wir; die Gegen—
wart ist ihnen gegenüber arm; und man könnte ihr wohl den
Vorwurf dieser Armut machen. Aber wie ungerecht würde er
sein! Was ist denn Wahrheit? Wahrheit besteht schließlich aus
Wahrheiten, und jede einzelne dieser ist doch am Ende nichts
als eine unter einem bestimmten Gesichtspunkte zutreffende
Übereinstimmung einer Anzahl von Tatsachen oder Erscheinungen.
Da ist denn doch wohl klar, daß solche Übereinstimmungen sich
bei mangelhafter Erfahrung, mithin geringerer Zahl beobachteter
Tatsachen und Erscheinungen viel eher einfinden werden, als
bei weit ausgedehnter Kenntnis. Denn diese weitere Kenntnis—
nahme zeigt erst recht die Ausnahmen und hebt dadurch viele
alte Wahrheiten auf. Gewiß: eine bestimmte Anzahl von
Erfahrungen bleibt darum gleichwohl bestehen, ja wird in
der Feuerprobe einer erneuten Prüfung erst recht noch fester.
Auch treten zugleich aus dem immer mehr erhellten Horizonte
neuer Tatsachen und Erscheinungen auch neue Wahrheiten