Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Einleitung. 
Daß dabei freilich noch starke Reste des Primitiven auch 
in sehr hoch entwickelten Kulturen bestehen bleiben, daß es sich 
in der Entfaltung primitiven „unbewußten“ Bewußtseins zu 
hohem „bewußten“ nur um polare Gegensätze handelt, darüber 
bleibt für den geschichtlich Denkenden kein Zweifel. Welche 
Bedeutung hat z. B. in unserer Sprache, unserem Denken 
und Dichten nicht noch heute das Symbolische der germanischen 
Urzeit! Kann man nicht geradezu sagen, daß auf den meisten 
Gebieten auch heute noch die Synthese des Inneren und 
Außeren, die Verinnerlichung des AÄußeren, die Verkörperung 
des Geistigen nur metaphorisch gewonnen wird? 
So heißt es denn auch auf diesem Gebiete letzter Synthese, 
zu dem ein Historiker sich heutzutage wird äußern wollen, vor— 
sichtig sein — vorsichtig und bescheiden. Denn hohe intellektuelle 
Werte werden nur sehr schrittweise, unter stärkster Anstrengung 
und bei größter Nüchternheit des Denkens trotz aller heuristischen 
Phantasie gewonnen. 
Gewiß haben frühere Zeitalter, und je weiter man zurück⸗ 
blickt, um so mehr, zahlreichere allgemein feststehende Wahr— 
heiten gehabt oder zu haben geglaubt als wir; die Gegen— 
wart ist ihnen gegenüber arm; und man könnte ihr wohl den 
Vorwurf dieser Armut machen. Aber wie ungerecht würde er 
sein! Was ist denn Wahrheit? Wahrheit besteht schließlich aus 
Wahrheiten, und jede einzelne dieser ist doch am Ende nichts 
als eine unter einem bestimmten Gesichtspunkte zutreffende 
Übereinstimmung einer Anzahl von Tatsachen oder Erscheinungen. 
Da ist denn doch wohl klar, daß solche Übereinstimmungen sich 
bei mangelhafter Erfahrung, mithin geringerer Zahl beobachteter 
Tatsachen und Erscheinungen viel eher einfinden werden, als 
bei weit ausgedehnter Kenntnis. Denn diese weitere Kenntnis— 
nahme zeigt erst recht die Ausnahmen und hebt dadurch viele 
alte Wahrheiten auf. Gewiß: eine bestimmte Anzahl von 
Erfahrungen bleibt darum gleichwohl bestehen, ja wird in 
der Feuerprobe einer erneuten Prüfung erst recht noch fester. 
Auch treten zugleich aus dem immer mehr erhellten Horizonte 
neuer Tatsachen und Erscheinungen auch neue Wahrheiten
	        
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