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Zweiundzwanzigstes Buch.
Ihr stummen Bäume, meine Zeugen!
Ach käm er ungefähr
Hier, wo wir saßen, wieder her:
Könnt ihr von meinen Tränen schweigen?
Oder:
An ihrem Blicke nur zu hangen
Verlang' ich, weiter nichts,
Und von dem Reichtum ihres Lichts
Ein Fünkchen in mein Herz zu fangen.
Es ist wie ein Gegenstück zu der dichterischen Erzählung
der Zeit, der Ballade, in der alte Redseligkeit hastender Mit—
teilung weicht: die Gefühle erscheinen vertieft und konzentriert
zugleich. Und in der Tat mangeln Lenz neben aller Lyrik
nicht balladenmäßige Ansätze, als der schönste darunter das
vollendetste Gedicht vielleicht, das dem Dichter überhaupt ge—
lungen ist, die wohl auf Sesenheimer Eindrücken beruhende
„Liebe auf dem Lande“.
Dennoch fehlt Lenz in Formgebung wie Gefühl noch das
Letzte subjektiver Vollendung. Die Form bleibt immer noch zu
redselig, zu referierend. Man lese die folgenden Strophen unter
der Erinnerung an eines der bekanntesten Gedichte Heines:
Mit schönen Steinen ausgeschmückt,
Von frohen Lichtern angeblickt,
Da sitzest du vielleicht anitzt,
Wo doch dein Auge heller blitzt.
Und denkest nicht, daß hier in Nacht
Ein ausgeweintes Auge wacht.
Das überall, wohin es flieht,
HKein Mittel, mich zu retten, sieht.
Wesentlicher aber ist noch, daß Lenz nicht über die sub—
jektiven Eindrücke und Erlebnisse hinaus zu deren typischer
Verklärung gelangte. Er blieb im persönlichen Kreise, und
nur wer ihm in diesen folgt, vermag ihn ganz zu verstehen.
Mustert man selbst die schönsten und ausgeglichensten Gedichte
durch, die wir von ihm kennen, man wird vergebens den eigent—
lichen Typus des Erlebnisses suchen. Im Grunde ist es vielleicht
nur eines, in welchem er sich diesem höchsten Ziele nähert: