Neue Dichtung.
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Nur der bleibende Himmel kennt,
Was er den schwachen Sterblichen gönnt,
All ihr Glück, erstohlen von Qualen,
Hinter Wolken zitternde Strahlen,
Was ihr Herz sich gesteht und verhehlt,
Alles hat er ihnen zugezählt,
Unerbittlich — all ihre Triebe,
Alle Gestalten und Grad' ihrer Liebe,
Alle Reibungen von Wünschen und Schrecken,
Hoffen und Zagen bei schwimmenden Zwecken.
Aber, abgesehen von Bedenken, die sich gegen die Form
regen: überwiegt hier nicht schon das Sententiöse? Ist jene
zarte Linie festgehalten, auf der in der vollendeten Lyrik des
jungen Zeitalters Allgemeines und Besonderes, Persönliches
und Universelles zu jener die typische Wahrheit treffenden
Ausgeglichenheit verschmolzen werden sollten, die, persönlichen
Hauches voll und dennoch aller Sinn bewegend, unmittelbar
von Herz zu Herzen spricht? Erst dem Meister der Meister
war es vergönnt, diese Höhen neuer Dichtung zu erklimmen;
erst ihm rief die Muse zu:
Empfange hier, was ich dir lang bestimmt!
Dem Glücklichen kann es an nichts gebrechen,
Der dies Geschenk mit stiller Seele nimmt:
Aus Morgenduft gewebt und Sonnenklarheit
Der Dichtung Schleier aus der Hand der Wahrheit. —
Auch Goethe wurzelt mit den Anfängen seiner Lyrik in den
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dichte dieser Art verloren gegangen sind; wer gedenkt nicht in
diesem Zusammenhange der wunderbar anmutigen Anakreontik
des Liedes „Kleine Blumen, kleine Blätter“, wer nicht der
graziös-altväterischen Zeilen noch des Leipziger Aufenthalts:
Luna bricht die Nacht der Eichen,
Zephirs melden ihren Lauf,
Und die Birken streun mit Neigen
Ihr den süß'ten Weihrauch auf?
Und auch sentimentale Zeiten hatte Goethe und Zeiten un—
bedingten, fast chaotischen Sturmes und Dranges; dann