Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Dichtung. 
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Maße, vielmehr von einer dritten Macht der Vergangenheit 
aus, die neben altdeutschen und rationalistischen Einflüssen auf 
den Übergang von frühestem naturalistischen zu frühestem idea⸗ 
listischen Subjektivismus wirkte: vom klassischen Altertum. 
Man weiß, wie sich schon mit den Übergangserscheinungen 
bom individualistischen zum subjektivistischen Zeitalter eine neue 
Wiedergeburt des klassischen, vornehmlich hellenischen Altertums 
verbunden hatte!. Es handelte sich um eine Bewegung, die 
auch von rationalistischer Seite her gern gesehen und eifrig 
gefördert worden war; und schon in diesem Zusammenhange 
begreift es sich, daß sie an erster Stelle das Wesen eines 
philologischen Betriebes angenommen hatte — ganz abgesehen 
davon, daß sie äußerlich zunächst von den Organen der seit 
der Renaissance des 16. Jahrhunderts entwickelten Philologie, 
von den gelehrten Mittelschulen und den Universitätslehrstühlen 
der alten Sprachen ausgegangen war und auch insofern min— 
destens anfangs philologischen Charakter tragen mußte. Doch 
Hebels hervor: enger Horizont, geographisch taum mehr als den alaman— 
nischen Boden beherrschend, politisch noch weiter begrenzt auf des Mark— 
grafen Lande und den füdöstlichen Schwarzwald: aber innigste Erfassung 
und Umfassung dieser kleinen Welt nicht bloß mit den Banden alt— 
herkömmlicher Sitte und braven Christenglaubens, sondern auch mit all 
den Elemeuten einer geistig durchgearbeiteten Klugheitslehre des Klein— 
hürger⸗ und Bauerntums. Was aber bei diesen Prosastücken außerdem auch 
noch deutlicher fast, als in der Lyrik, trotz deren dialektischer Sprache, hervor— 
tritt, das ist ihr spezifisch alamannischer Charakter. Der pädagogische Zug, 
der die schweizerische Literatur von Pestalozzi bis Keller beherrscht oder 
wenigstens bestimmt hat, ist unverkennbar, nicht minder die nicht selten barocke 
Form alamannisch-schweizerischer wie alamannisch⸗elsässischer Weisheitslehre 
und ihr dennoch volkstümlicher Vortrag: sowie eine besondere Sorte klugen 
Biedermannssinnes und eckiger Solidität des Denkens, die dem „Rollwagen⸗ 
büchlein“ des Kolmarers Jörg Wickram nicht minder eigen ist wie den 
Leuten von Seldwyla“ des Züricher Meisters Keller. In der Lyrik haben 
dann unmittelbar Pfade von Hebel noch hinübergeführt zu der späteren Elsässer 
Dichterschule, zu den Stöber und Mühl und Hackenschmidt: nur daß die 
Tone, die bei Hebel noch voll erklingen, hier ins Dünne abgewandelt sind 
und hier und da auch noch einer abschwächenden Einwirkung späterer neu— 
hochdeutscher Lyrik unterlegen scheinen. 
Vgal. Bd. VII, 1, S. 334 ff.
	        
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