Neue Dichtung.
331
näherung der Dioskuren verhinderten. Ihr Verlauf ist von
höchstem menschlichen Interesse, und für ihre Geschichte liegt
genug an authentischen Denkmälern vor, um ihr Studium
mmer von neuem lehrreich zu machen. Ja selbst von einem
universalgeschichtlichen Interesse könnte man reden. Denn
heispiellos ist die Freundschaft der beiden Großen in der Ge⸗
schichte aller Literaturen.
Hier kann nur der allgemeine Zug der Dinge angedeutet
werden; Einzelheiten könnten nur befriedigen, wenn sie voll⸗
ständig wären, und gehören als solche der Biographie an.
Goethe konnte nach der italienischen Reise lange das
Gleichgewicht seines Wesens nicht wiederfinden. Seine Seele
schmerzte, da sie sich „unwiderstehlich zu einer unwiderstehlichen
Verbannung“ im Norden hingezogen sah; die Lösung von der
Dichtung der Empfindsamkeit und des Sturmes und Dranges
und den mit ihr gegebenen literarischen Beziehungen, eine
Lösung von großen Teilen der bisher gepflegten Amtsgeschäfte,
die Lösung gar von der Frau von Stein besserten die Lage
nicht: der Dichter sah sich vereinsamt. Zu alledem kam auch
noch literarische Enttäuschung; „Iphigenie“ und „Tasso“ wurden
vom deutschen Publikum kalt aufgenommen — wie in der
Ferne einer anderen Welt lag die Begeisterung, die einst „Götz“
und „Werther“ erweckt hatten; und es half nicht, daß der
Dichter das Publikum verachtete:
Wer sich der Einfamkeit ergibt,
Ach. der ist bald allein.
So starb auch das dichterische Schaffen ab; die Jahre 1790
his 1793 waren unfruchtbar; und was neu entstand, die
„Römischen Elegien“, die „Venetianischen Epigramme“, blieb
im Dunkel des Pultes verborgen — bis Schiller die Fesseln
sprengte.
Allerdings nahm sich Goethe 1794 wieder auf. Den ersten
fast vegetativen Jahren im Zusammensein mit der Vulpius
(seit 1780) war langsam ein innerliches Zusammenfassen ge⸗
folgt; jetzt trat es hervor; im Bau des neuen Hauses am