Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Bildende Kunst und Musik. 613 
entwickeln können und später entwickelt hat — sondern dem 
Idealismus seiner Zeit. Dieser Idealismus aber war der der 
Klassizität. Denn auch die akademischen Maler des Klassizismus 
skizzierten nach der Natur, um dann den Natureindruck im 
Geiste nach den angeblichen Regeln der Alten umzubauen und 
danach zu malen. 
Und noch weniger als Friedrich kann Runge als natura⸗ 
listischer Lichtmaler gelten. Ja er würde eine solche Bezeichnung 
mit Entrüstung von sich gewiesen haben. Denn er war in erster 
Linie nicht Abschreiber der Natur, sondern ästhetischer und 
vsychologischer Grübler; in seinem Nachdenken über die Farben⸗ 
werte z. B. berührte er sich mit Goethe und späteren gelegent⸗ 
lichen Ausführungen Ludwig Richters. Indem ihm Weiß und 
Licht das Gute, Dunkel und Schwarz das Boöse war, indem 
ihm auch sonst Farbenwerte mit allgemeinen seelischen Eindrücken 
uind sittlichen Normen in Verbindung zu stehen schienen, wurde 
er zum Farbensymboliker, der in seinen „Tageszeiten“ und 
inderen Werken wenigstens der Dresdner Periode auch nach 
diesem Rezepte gemalt hat. Und was ihn dabei zu allen Zeiten 
ausgezeichnet hat, das war das Suchen nach einer Form hinaus 
über die Zerflossenheit des naturalistischen Lichteindruckes: hier 
liegt sein Berührungspunkt mit dem modernen Neuidealismus, 
mit Meistern z. B. wie Thoma. Es steht deshalb ähnlich um 
ihn wie um Friedrich; er überspringt schließlich die nächst— 
rotwendige, naturalistische Entwicklungsstufe; er glaubt ernten 
zu können, wo noch nicht gesäet ist. 
Aber man stelle sich freilich auch die ganze Schwierigkeit 
des Problems vor, das mit der Forderung eines neuen 
Naturalismus und dem Drange, aus diesem neuen Naturalismus 
wieder einen neuen Idealismus zu entfalten, eröffnet war! 
Schon in der Entwicklung der Dichtung war ein verwandtes 
Problem aufgetreten, als es sich um die reifere Bewältigung 
der naturalistisch-iormlosen Errungenschaften der Zeiten der 
Empfindsamkeit und des Sturmes und Dranges handelte. Und 
nicht nur aus eigenen Mitteln hatte die deutsche Dichtung dabei 
chließlich den Sieg errungen. Die Antike war zu Hilfe gerufen
	        
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