84 Dreiundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
es anderseits fast selbstverständlich, daß des Königs Absichten
sich in diesen Zusammenhange mit der Entwicklung des Neu—
humanismus, der ja eben zum guten Teile von den Gym—
nasien ausgegangen war!, berühren und kreuzen mußten. Es
war, wie wir schon wissen, eine dem Könige keineswegs un—
angenehme Konstellation, wenn auch schwer festzustellen sein
wird, bis zu welchem Grade sein Verhältnis zum Neu—
humanismus ein wirklich innerliches gewesen ist. Soweit
indes dabei das besondere Erziehungsideal des Königs in Be—
tracht kam, unterlag es sehr bald den bedeutendsten Abwand—
lungen durch die Einwirkung des klassischen Humanitätsideals
und ist unter dem Einflusse dieser Einwirkungen kaum zu
größerer Geltung gelangt. Das Prinzip des Egoismus selbst
aber wurde von der fortschreitenden allgemeinen pädagogischen
Bildung der Nation rundweg beseitigt.
Denn eben gegen den Egoismus machte man instinktiv
und darum aufs entschiedenste Front. Im „Eigennutz“ sah
schon Moser, hierin völlig einig mit Luther, die Kraft, die
recht eigentlich das Reich zersetze; und als Gottes größtes
Gnadengeschenk an die Nation erschienen ihm Männer, die
sich „nicht aus bloßem Ehrgeiz und Tagelöhnersart, sondern
aus warmem Herzen hingeben“. Rehberg hat dann den
„groben Eigennutz“ als das Übel bezeichnet, das die Nation
nach Auflösung aller Körperschaften mit ihren besonderen Vor—
rechten und Würden schmählich nivellieren werde, und Brandes
hat die Habgier der Erwerbsstände für staatsgefährlicher ge⸗
halten als den Hochmut des Adels. Es ist der Zusammenhang,
aus dem heraus sich auch die fast ausnahmslose Ablehnung
der nationalökonomischen Lehren Smiths seitens der deutschen
Theoretiker durch fast zwei Jahrzehnte hindurch erklärt.
Was von der öffentlichen Meinung mit stets wachsender
Einmütigkeit und immer zunehmender Stärke als positives
Ziel erzieherischer Entwicklung reiner Menschlichkeit erklärt
S. Band VII, 1, S. 802; VIII, 1, S. 288 ff.