Neue Anschauungen von Staat und Gesellschaft. 107
zivilisierten Ländern Europas trafen ein, nicht zum wenigsten
aus Deutschland. Und hier war es wiederum Preußen, das
der neuen Lehre frühe Aufmerksamkeit schenkte; schon 1809 wurde
Karl August Zeller, ein bedeutender Schüler Pestalozzis, nach
Königsberg berufen.
Im ganzen aber darf man sagen, daß die deutsche Volks—
schule des 19. Jahrhunderts sich überhaupt im Bereiche der
Gedankenzüge Pestalozzis entwickelt hat. Gewiß ist das nicht
schnell gegangen, wie denn die Volksschule sich überhaupt erst
allmählich auf die Höhe ihrer heutigen Leistungen gebracht
hat; in Sachsen wurden noch um 1830 unter 115 Rekruten
30 Analphabeten gezählt. Allein Ansätze des Neuen schossen
doch überall an; mit anderer Begeisterung als früher ging
man ans Werk, der Unterricht wurde immer mehr Erziehung,
und die Auschauungsmethode setzte sich durch. Daneben schritt
denn auch die äußere Verbesserung des Schulwesens fort;
zahlreiche Lehrerseminare entstanden, eine wirkliche Lehrmethode
auch über Pestalozzis Andeutungen hinweg wurde durchgebildet,
und die Berufsstellung der Volksschullehrer wurde eine höhere.
Was nach einer Generation schon erreicht war, hat niemand
vielleicht besser überschaut als Viktor Cousin, der im Jahre
1831 einen amtlichen Bericht an die französische Regierung
über den Zustand des deutschen öffentlichen Unterrichts zu
erstatten hatte. Er sah in der Volksschule ein Institut, das
dem deutschen Geiste, dem deutschen Ernst und der deutschen
Frömmigkeit der Zeit entspreche.
Entscheidend war damit die Betonung jener freien Per—
sönlichkeit für die Erziehung auch der Massen gewonnen, deren
Idee das junge Zeitalter des Subjektivismus gefaßt hatte.
Und diese Erziehung wurde mit einem Mittel durchgeführt,
das ebenfalls dem Frühsubjektivismus zuerst eigen gewesen
war: mit einer vervollkommneten Anschauung der Welt der
inneren wie äußeren Umgebung wie des eigenen Ichs. Aber
aicht in ihren primitivsten und gleichsam rohen Formen, in der
Gestalt eines noch gärenden Naturalismus wurde diese An⸗
ichauung in den Dienst der Erziehung gestellt, sondern in den