12 Dreiundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
Im übrigen aber waren selbst die Großen dieser Jahre
über die öffentlichen Aufgaben der Zeit, insofern sie unmittelbar
zu einem modernen Staate führen konnten, wie über das Bild
dieses Staates noch wenig klar: noch überwog anfangs ganz
Negation und Kritik, wie sie ja auch der Theorie des Rechts—
schutzstaates im tiefsten zugrunde lag, und erst langsam schritt
man darüber hinaus zu mehr positiven Idealen und Forde—⸗
rungen fort.
Es war ein Entwicklungsgang, der sich an dem politischen
Denken keines der führenden Männer der Zeit besser verfolgen
läßt als an dem Schillers. Politisch völlig erfahrungslos und
noch von den ersten Sturzwellen vollster subjektivistischer
Empfindung getragen, begann Schiller mit der extremsten
politischen Meinung, die dem neuen Zeitalter überhaupt möglich
war: mit dem heißen Wunsche, jeder Persönlichkeit möge es
vergönnt sein, sich auf eigene Gefahr völlig auszuleben. Es
war ein zügelloser Republikanismus, ja fast Anarchismus. Das
ist die Meinung der „Räuber“: „In tyrannos“, und hinaus
in die böhmischen Wälder! Und noch in „Fiesko“ und
„Kabale und Liebe“ klingen diese Gesinnungen nach. Aber
eigene Lebensführung wie das Studium der Geschichte, da—
neben auch der Einfluß Montesquieus belehrten den Dichter
bald, daß es mit der willkürlichen Freiheit des zügellosen
Subjektes in der Welt der Wirklichkeiten nicht getan sei. Und
so schob sich seinen radikalen Forderungen im Laufe der
zweiten Hälfte der achtziger Jahre ein anderer Gedanke unter:
der, daß in großen freien Institutionen der Einzelperson erst
Raum gegeben werden muß, sich im Sinne der neuen Zeit zu
entwickeln. Und in einem gewissen rationalistischen Optimismus,
an der Hand dessen er, nach anfänglichem Abscheu, immerhin
noch in die Bewertung des Fürstentums eintrat — wie er denn
noch lange an dem rationalistischen Ideale politischer Glückselig—
keit des Staates festhielt —, zudem von dem in seiner Zeit so
oft vertretenen Gesichtspunkte ausgehend, daß der Fürst, alles
durchzusetzen imstande, der irdische Gott sei: forderte er nun von
den Fürsten die Herstellung jenes Zustandes, der die volle Ent—