16 Dreiundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
moralischen und schließlich national-kosmopolitischen Schulung,
ohne die dies Leben niemals gefristet und aufrecht erhalten,
geschweige denn gefürstet und vorwärts getrieben werden
könne. Es ist der enge entwicklungsgeschichtliche Zusammen—
hang zwischen subjektivistischem Freiheitsbegriff und nationaler
Begrenzung, zwischen dem Liberalismus und dem Nationalismus
des 19. Jahrhunderts, der hier, in der raschen Entwicklung
des Genius, zum ersten Male ahnungsvoll hervorbricht.
Über diese Grenze hinaus aber hat Empfinden und
Denken Schillers nicht getragen. Er lebte zu sehr in der
Höhe, um die Realisierung einzelner politischer Forderungen
mit Nachdruck zu verfolgen. Er war kein Staatsmann und
noch weniger ein politischer Prophet. Das primitive kon⸗
kretere Ideal eines neuen subjektivistischen deutschen Staates
ist von einem anderen zuerst geschaut worden, von Wilhelm
von Humboldt. Und Ausgestaltung gefunden hat es bis zu
einem gewissen Grade in Humboldts „Ideen zu einem Ver—
such, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“
1700.
Wilhelm von Humboldt geht in dieser Schrift der Haupt—
sache nach von einer Kritik des bestehenden absolut-individua—
listischen Staates aus, oder dessen Gesamtbild sieht wenigstens
überall aus seinen positiven Ausführungen hervor. Als posi⸗
tives Zentrum aber seiner Anschauungen ergibt sich eine schon
durchaus klar umschriebene Vorstellung von dem Charakter der
neuen subjektiven Persönlichkeit: und die politische Grund—
forderung des vorgetragenen Systems besteht nur darin, daß
das Ausleben dieser Persönlichkeit vor allem gesichert sein
müsse, und daß demgemäß das öffentliche Leben diejenige
Freiheit der Bewegung und Mannigfaltigkeit der Situationen
zu bieten habe, welche der kulturellen Differenzierung der Ver⸗
sönlichkeiten gerecht werde.
Es ist ein Standpunkt, den Humboldt, wenn auch in der
Form gemäßigt und ziemlich abstrakt, doch bis zu ganz radi—
kalen Forderungen vertritt. Nirgends erscheint das zunächst
klarer als in seinen Ansichten über die innigste und elementarste