Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Zweites Kapitel. 
Sprengung des alten Reiches und der alten 
Staatsverhältnisse. 
Das Heilige Römische Reich deutscher Nation konnte gegen 
Schluß des 18. Jahrhunderts auf eine tausendjährige Ver— 
gangenheit zurückblicken. Denn in gewissem Sinne war es 
doch schon durch die Karlinge begründet worden; dem Ge— 
dächtnis der Nation jedenfalls erschien Karl der Große als sein 
erster gewaltiger Herrscher. 
Aber auch wenn eingehendere geschichtliche Kenntnis die 
Entstehung des Reiches nur bis auf den Vertrag von Verdun 
oder gar nur den Vertrag von Mersen zurückdatierte, blieb 
dennoch der ehrwürdig-archaische Charakter des Reiches un— 
berührt: denn sicherlich hatte dies Reich schon im 11. Jahr⸗ 
hundert, vor etwa dreiviertel Jahrtausenden, seine höchste 
Blüte erlebt. Es war in den schönsten Zeiten der Franken— 
kaiser gewesen, unter den Heinrichen, vor allem unter dem ge— 
waltigen Konrad II. Damals hatte das Reich den Umfang 
erhalten, der seinen größten drei Erzbischöfen, den späteren 
Kurfürsten von Mainz, Köln und Trier, gestattete, mit ihren 
geistlichen Wuürden die Reichskanzlerämter für Deutschland, 
Italien und Burgund zu 'vereinigen; aus dieser Zeit her 
reichten letzte Spuren germanischen Einflusses in romanischen 
Ländern noch bis in die Gegenwart, wenn das italienische 
Kind in der Schule die barbarischen Namenreihen der Kaiser
	        
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