Sprengung des alten Reiches und der alten Staatsverhältnisse. 125
Betracht kamen, waren es vornehmlich Motive der inneren
Entwicklung, die sie zuerst beeinträchtigten.
Das Rieich des 10. bis 18. Jahrhunderts hatte im Ver⸗
hältnis zur deutschen Kultur dieser Zeit als folgereichsten
Fehler den, daß es zu groß war; es wird davon bald noch
einmal zu sprechen sein. Hieraus ergab sich unter anderem
auch eine ständige Unordnung in den Finanzen. Die Dynastien
des 10. und 11. Jahrhunderts lebten wirtschaftlich sozusagen
von der Hand in den Mund; und sie handelten vornehmlich
auf Grund der Liquidation des allerdings außerordentlich aus⸗
gedehnten Grundbesitzes, der der Krone gehörte. Zur Staufer⸗
zeit erschien diese Grundlage der Macht gleichwohl schon in
ihren Tiefen erschüttert; fpärlicher und spärlicher mußten
die Kaiser ihre Landschenkungen bemessen; Friedrich J. fand
sich schon auf Heranziehung neuer finanzieller Mittel an—
gewiesen. Er entwickelte sie in langen, aufreibenden Kriegen
auf oberitalienischem Boden; er herrschte von den Zinsen und
Zahlungen der lombardischen Städte. Durch eine kluge
Heiratspolitkk gegenüber dem unteritalienischen und sizilischen
Reiche der Normannen legte er zugleich den Grund dazu, daß
seinen Nachfolgern die Einnahmen auch dieses Reiches zur
Verfügung kamen: es war die finanzielle Ausstattung der
Zeiten Heinrichs VI. und Friedrichs IJ. Hieß das aber nicht,
das Zentrum, gleichsam das Herz des gesamten Reichskörpers
außerhalb des ursprunglichen deutschen Sitzes verlegen? Ge—
ichtspunkte einer ganz ungewohnten und undeutschen Politik
ergaben sich; ihnen hat schon Heinrich VI. nachgestrebt;
Friedrich II. ist in ihrer Durchführung zugrunde gegangen.
Selbst der Gedanke schon, daß diese Kombination auf die
Dauer segensreich wirken könne, war verfehlt. Die Staufer
schwanden dahin: und mit ihnen verlor das Reich Italien.
GBewiß gab es noch lange Zeiten hindurch Reichsvikare und
noch viel länger Reichsansprüche in Italien; der Luxemburger
Heinrich VII. liegt im Campo santo von Pisa begraben, und
aoch Karl IV., ja noch Friedrich III. sind in Rom gekrönt worden.
Aber von einer wahrhaften politischen Zugehörigkeit Italiens