Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

134 Dreiundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
zewahrten konfessionellen Charakter genommen. Da begreift es 
sich denn, daß das Motiv auch nach dem Westfälischen Frieden 
weiter gesponnen wurde; noch in den Zeiten Karls XII., im 
Nordischen Kriege, hat es eine große Rolle gespielt, und erst mit 
dem inneren Verfalle Schwedens im Laufe der ersten Hälfte des 
18. Jahrhunderts schied es aus der politischen Geschichte aus. 
Die erst im Süden von der Türkei, dann von Schweden 
im Norden gespielte Rolle übernahm nun die große zentrale 
Macht des Ostens: Rußland; und eben in ihrer ersten Ent— 
faltung in diesem Sinne beruht wenigstens zum Teil die große 
Bedeutung der Politik Peters des Großen. Friedrich der Große 
hat dann die neue Kombination schon zu fühlen gehabt. Frei— 
lich: zu guter Letzt entzog er sich ihr, soweit die Grenz⸗ 
verhältnisse in Betracht kamen und soweit es ihm bei seiner 
Macht möglich war, durch eine glänzende Wendung: er erwarb 
Schlesien endgültig, ein Umstand, der Preußen zur führenden 
deutschen Macht eben gegen Osten erhob, und er teilte mit 
Rußland und sterreich Polen derart, daß sich für sein Land 
eine im hohen Grade gesicherte Grenze eben gegen Rußland ergab. 
Übersah man mithin gegen Schluß des 18. Jahrhunderts 
die Entwicklung der Grenzverhältnisse im Osten, so konnte man 
nicht umhin, mit ihr zufrieden zu sein. Preußen hatte die 
Ehre der Grenze gut gewahrt, so gewiß auch die nordöstlichen 
baltischen Provinzen unter russischer wie vorher schwedischer 
Herrschaft einem Sonderleben entgegengeführt werden mußten; 
Osterreichs gewaltige Erfolge im Süden aber waren noch immer 
deutsche Erfolge zugleich: denn niemals vielleicht war der deutsche 
Charakter dieses Reiches stärker betont worden als unter Maria 
Theresia und Joseph II. 
Zog man aber die Summe der äußeren Geschichte der 
Nation überhaupt, soweit sie sich in der Entwicklung der gesamten 
Grenzen, eins ins andere gerechnet, abgespielt hatte, so mochte 
man wohl die Verluste im Westen bedauern: im übrigen aber 
schien zu besonderen Besorgnissen oder zu einem Schamgefühl 
etwa gegenüber den Leistungen der Altvordern jeglicher Zeit 
vorderhand kein Anlaß.
	        
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