Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Sprengung des alten Reiches und der alten Staatsverhältnisse. 145 
Vergrößerung ein kräftiges Geschlecht verschiedenartig begabter 
und langlebiger Herrscher bei. 
Diese Entwicklung gipfelte in der Eroberung Schlesiens 
und in der Regierung Friedrichs des Großen. Friedrich ver—⸗ 
zinigte in sich eine Summe sonst nur vereinzelt vorkommender 
derrschereigenschaften seines Hauses. Der Erwerb Schlesiens 
brachte die zentrale Stellung Brandenburgs ganz anders als 
hisher zum Ausdruck. Von Bedeutung war auch, daß sie und 
der polnische Länderzuwachs entscheidend dazu beitrugen, die 
bisher getrennten Teile des Territoriums, Brandenburg und 
Preußen, zu verbinden. 
Und noch mehr: indem Friedrich der Große Schlesien 
zroberte, nahm er nicht bloß Österreich eine blühende Provinz; 
er griff in jenen Bereich des mittleren kolonialen Ostens über— 
haupt ein, der bislang, und von alters her, der alleinigen 
Verfügung des Hauses Habsburg unterstanden hatte. Was 
das bedeutete, zeigte alsbald ein besonders feinfühliges Meß— 
instrument in Aussicht stehender politischer Konsequenzen in 
geldwirtschaftlicher Zeit, der Verkehr und die Handelspolitik. 
Friedrich war bestrebt, Breslau zur Meßstadt für den Handel 
auch des deutschen kolonialen Südostens zu machen; er ver— 
suchte sich in einer Verkehrspolitik der Karpathenpässe, in 
ziner wirtschaftlichen Beherrschung der Straßen bis nach Wien. 
Und so war denn die Entwicklung der deutschen Terri—⸗ 
orien für den Zeitgenossen Friedrichs des Großen und erst 
recht für den Betrachter gegen Ende des 18. Jahrhunderts 
schon ganz bestimmten Zielen zugetrieben: die kolonialen Terri⸗— 
torien waren im allgemeinen und verhältnismäßig vor den 
mutterländischen in den Vordergrund getreten, der politische 
Schwerpunkt der Reichshegemonie erschien nach dem Osten 
berlegt, und unter den ersten und höchsten Bewerbern um sie 
war je eine Macht des Südens und Nordens, waren ster⸗ 
ceich und Preußen in einem Sinne und einem Verlaufe ihrer 
bisherigen Bestrebungen hervorgetreten, der zwar OÖsterreich 
durchaus noch den Vortritt gewahrt zeigte, dennoch aber 
Lamprecht. Deutsche Geschichte. IX.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.