Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

172 Dreiundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
auch in der äußeren Politik den partikularen Zielen Preußens 
eine sehr einfache, niemals den inneren Entwicklungstrieben der 
Nation zuwiderlaufende Richtung gegeben: was man in guten 
Tagen anstrebte, war seit dem Großen Kurfürsten Beherrschung 
mindestens der deutschen Teile der Ostsee, und seit den 
späteren Tagen Friedrichs des Großen ein gutes Verhältnis, 
wenn nicht ein Rückhalt an Rußland, um die Hände frei zu 
haben zur Vergrößerung des preußischen Einflusses im Westen, 
und das hieß vornehmlich in den vielgestalteten Ländern 
deutscher Zunge hin bis zum Rheine. 
Indem nun aber diese Bestrebungen auftraten, stieß 
Preußen freilich mit den altererbten Gewohnheiten und Be— 
dürfnissen Osterreichs zusammen. Dabei hatte Hsterreich in 
dem so entstehenden Wettbewerbe während des 18. Jahr⸗ 
hunderts noch einen außerordentlichen Vorsprung: seine 
herrscher waren Oberhäupter des Reiches; durch seine Be— 
sitzungen am Oberrhein und in Schwaben hatte es im 
Süden und Südwesten einen fast unüberwindlichen, weil 
heimischen Einfluß; im Nordwesten aber stand es als katho— 
lische Vormacht in besonderen Beziehungen zum katholischen 
Westfalen wie noch mehr zur rheinischen Pfaffengasse, zu 
den drei geistlichen Kurfürstentümern von Mainz, Köln und 
Trier. Was konnte gegenüber diesem Heere von Möglichkeiten 
der Einwirkung das junge Preußen aufbieten? Es hatte 
einige Besitzungen von geringer und teilweise bestrittener Aus⸗ 
dehnung am Niederrhein und einige Anwartschaften in Franken; 
und nicht einmal als erste Schutzmacht des Protestantismus 
hatte es lange Zeit hindurch eines unbestrittenen Ansehens ge— 
nossen. 
Eine entscheidende Wendung in dieser Lage trat erst mit 
Friedrich dem Großen ein. Es war zunächst ein kluger 
Schachzug, daß der König sich ganz im Gegensatze zur Politik 
seines Vaters wesentlich außerhalb der alten Reichsverhältnisse 
gegen sterreich wandte und dieses dabei beugte: das ist die 
innerdeutsche Bedeutung der Eroberung Schlesiens. Und bald 
spürte man im „Reiche“ im engeren Sinne, im westlichen
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.