Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Sprengung des alten Reiches und der alten Staatsverhältnisse. 189 
Haltlosigkeit dieser Entwicklung nicht zu leugnen war, suchte 
man, um sie zu stützen, unbewußt Anknüpfung an die festen 
Gegebenheiten eines veralteten Kirchentums. So wurde der 
verhängnisvolle Bund der neuen Richtung mit der Orthodoxie 
geschlossen; die aufgeklärte Regierung der Kirchen- und Schul⸗ 
angelegenheiten aus Friedrichs des Großen Zeit ging mit dem 
Rücktritte des Ministers von Zedlitz unter: und Wöllners 
Edikt vom 9. Juli 1788, die Religionsverfassung in den 
preußischen Staaten betreffend, sowie der an dieses Edikt an— 
knüpfende Bevormundungsversuch Kants wurden zu Zeichen 
der Zeiten. 
Auch hier aber war es wiederum besonders charakteristisch, 
daß der Verfall selbst die Verwaltung und namentlich das 
Heerwesen des Staates ergriff. Nicht als ob diese weniger 
geleistet hätten, obwohl die Versuche, die neuen polnischen 
Landesteile zu organisieren, sogar in dieser Richtung zu dem 
Ergebnis führten, daß mit dem rastlos treibenden Anstoße, der 
unter Friedrich von dem Schreibtische in Sanssouci aus— 
gegangen war, auch der Eifer der Beamten einer bedenklichen 
Erschlaffung Platz zu machen begann. Vor allem aber: nichts 
entwickelte sich weiter, alles verknöcherte. So an erster Stelle 
das Heer. Während sich die Bevölkerung des Staates fast 
verdoppelte, wuchs es nur um 35000 Mann, wie ihm denn 
nicht mehr als 14 Millionen Taler jährliche Kosten zugewendet 
wurden, da der Hofhalt Unsummen verschlang und bei dem 
Verfall des Steuerwesens selbst zu diesem Ergebnisse nur auf 
dem Wege der Aufzehrung des Staatsschatzes gelangt werden 
konnte. Was bedeutete aber dieses Nachlassen gerade für 
Preußen! Ringsum starrte die Welt in Waffen; ins Un—⸗ 
geheuerliche waren die Kriegsbudgets der europäischen Staaten 
seit der Revolution gestiegen: nur im Bereiche des Krieger— 
staates Friedrichs des Großen herrschte eine harmlose Neu— 
tralität, ein fauler Friede, dessen man sich noch dazu als 
höchster Wohltat rühmte, und eine Sorglosigkeit in der kriege⸗ 
rischen Vorbereitung, die niemand außerhalb der preußischen 
Grenzen für berechtigt, ja für möglich hielt.
	        
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