Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

190 J Dreiundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
War nun, als Friedrich Wilhelm II. starb, sein Sohn 
und Nachfolger, der dritte Friedrich Wilhelm, in der Lage, der 
allgemeinen Entwicklungsrichtung erfolgreich entgegenzutreten? 
Er stand nicht, gleich seinem Vater, in enger Fühlung mit 
den extremen Richtungen der neuen Kultur, die sich immer mehr 
ausbreitete. Er war einfach und bieder angelegt, wenn er auch 
in einer gewissen Sentimentalität, in Zugeständnissen an edle 
Seiten des klassizistischen Kosmopolitismus der Zeit seinen 
Tribut entrichtete. Er wäre nach der negativen Seite hin, ja 
sogar noch weiter: in seiner positiven Durchbildung eines 
treuen Wirklichkeitssinnes wohl in der Lage gewesen, sich 
gegen die drängenden Fluten zu stemmen. Aber er war 
schüchtern, begrenzt nach Verstand und Willen, und weil ihm 
sonst edle Instinkte nicht fehlten und er sich selbst zur Genüge 
übersah, in jedem Entschlusse zögernd und schwerfällig. Und 
doch hätten in diesem Augenblicke nur Feuereifer und Leiden— 
schaft nützen können! Aber Personen von diesen Eigenschaften 
waren dem Könige selbst schon in seiner Umgebung un⸗ 
angenehm. So hat er den Freiherrn vom Stein stets nur 
aus der Ferne und wenn auch mit königlichem Stolze, so doch 
niemals ohne das Mißtrauen des Minderbegabten geschätzt. 
Die nächste Folge von alledem war, daß sich der neue 
König noch mehr als sein Vater mit unbedeutenden Personen 
umgab. Und dies erleichterte ein schon unter Friedrich dem 
Großen entwickeltes Geschäftssystem nur zu sehr. Friedrich 
hatte in seinen letzten Jahrzehnten fieberhaft und darum ein— 
sam gearbeitet. Die meisten seiner Anordnungen ergingen 
schriftlich; selbst die Minister sah er selten. Den Botendienst 
aber zwischen ihnen und dem Könige übernahmen Kabinets- 
räte, die in den meisten Fällen geistig ebenso sehr wie 
administrativ subaltern waren. Da versteht mau denn, was 
aus dieser Einrichtung werden mußte, behielt sie ein Mann 
wie Friedrich Wilhelm III. bei. Die Subalternen, mochten 
sie es von Beruf oder Charakter oder Intellekt sein, nahmen 
das Herz des Königs ein: in der Zivilverwaltung die Mencken, 
Beyme, Lombard, und unter den Militärs die Zastrow und
	        
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