220 Dreiundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
ältesten und das will sagen der bäuerlichen Verhältnisse ge—
geben war.
Tritt somit die Frage nach der Umgestaltung der bäuerlichen
Schicksale sogleich in den Vordergrund jeder tieferen Be—
trachtung — eine Frage, der wir bei der Schilderung der
Veränderungen in Süd- und Westdeutschland noch gar nicht
einmal gedacht haben —, so wird das Gewicht eben dieser
Frage durch die Tatsachen der besonderen Entwicklung des
deutschen Bauernstandes seit dem 16. Jahrhundert nochmals
um ein bedeutendes verstärkt.
Welch unglückselige Schicksale hat doch dieser Stand, der
Grundstand der Nation, vom 16. bis zum 18. Jahrhundert
durchlebt!“ Ausgeschlossen war er, um es mit einem Worte
zu sagen, von der bewußten und verantwortungsvollen Teil⸗
nahme an der nationalen Geschichte überhaupt. Mundtot war
er politisch, sozial, geistlich, geisig — ja mundtot und un—
selbständig fast sogar in der Pflege seiner einfachsten Inter⸗
essen, in der Bestellung seiner Wirtschaft, seines Hauses
und Hofes. Es sind Tatsachen, denen die im kleinen immer
und immer wiederholten Revolutionsversuche der Bauern in
dieser Zeit, seit dem Bauernkriege von 1525 und seinem
furchtbaren Ausgange, nicht widersprechen. Es sind zugleich
die für die Volksgeschichte des 16. bis 18. Jahrhunderts be⸗
zeichnendsten Tatsachen. Wäre der Verlauf des deutschen
Absolutismus so, wie er stattfand, unter einem politisch und
sozial teilnehmenden Bauernstande denkbar gewesen? Scheidet
irgend etwas anderes das neue Zeitalter des 19. Jahrhunderts
mehr von dem vorhergehenden, als Pflicht und Recht des
Bauern der Gegenwart im Heerwesen von heute und in der Ver—⸗
fassung? Sogar die bloß negativen Konsequenzen der Stellung
des Bauern im 17. und 18. Jahrhundert sind heutzutage noch
in fundamentalen Erscheinungen unserer Geschichte bemerklich.
So z. B. in der modernen Expansion der Deutschen. Zahl⸗
reiche Auswanderer hat im 18. Jahrhundert nur der Bauern—
1 Vagl. u. a. Bd. VI, S. 348f.