Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Liquidation der alten Formen des wirtschaftl. u. sozialen Lebens. 265 
daß sie höchstens noch achtzehn Prozent des Bruttoertrages 
dieser Stelle ausmachten; und in dieser Kürzung sollten sie 
daun in Geld an den Gutsherrn gezahlt werden können, 
falls der Verpflichtete nicht vorzöge, sie in Natur zu leisten. 
Man sieht: das war nicht bloß eine Regulierung: das 
war eine Leistungsentlastung, eine Seisachtheia in bester 
Form; und zur vollen Ablösung blieb nur noch übrig, daß 
das Kapital von den reduzierten und in Geld umgewandelten 
Fronden und Lasten gezahlt werden konnte. Es war eine 
——— und der 
Kaiser befahl ihre volle Durchführung binnen Jahresfrist. 
Natürlich, daß die Gutsherren gegenüber diesem Vorgehen 
alle loyalen Gefühle verloren, zumal der Kaiser die Maß— 
regel ungefragt der Stände ergriffen hatte; aber selbst die 
oberste Verwaltungsbehörde hatte so starke Bedenken, daß ihr 
Schweigen auferlegt werden mußte; und aus dem Grunde der 
zffentlichen Meinung schwoll eine Flut von Beschwerdeschriften 
mpor. 
In diesem Augenblicke starb Kaiser Joseph. Und nun war 
es eine der ersten Sorgen seines Nachfolgers, daß er den 
kühnen Plan der Urbarialregulierung aufgab. Aber mehr noch: 
mit Josephs Tode trat für die Fortentwicklung der agrarischen 
Zustände in Österreich überhaupt eine lange, allzulange Pause 
ein: fast sechzig Jahre dauerte es, ehe die Revolution des 
Jahres 18948 das Versäumnis gut machte. Dabei war es 
freilich die Absicht noch Leopolds II. gewesen, ruhiger und 
besonnener auf den Wegen seines Bruders fortzuwandeln. 
Allein Maßregeln, die eine lange Vergangenheit wirklich gerecht 
liquidieren wollen, bedürfen überaus genauer und eingehender 
Vorarbeiten; und schon diese zu leisten, geschweige denn zu 
gesetzgeberischen Maßregeln zu verdichten, war der zweijährigen 
Regierung Leopolds nicht gegeben. Die späteren Regierungen 
aber blieben bis zum Jahre 1848 in agrarischen Dingen 
saumselig und unfruchtbar. 
Sehr begreiflich daher, daß man dann im Jahre 1848, 
in einem Gefetze vom 7. September, um so radikaler Abhilfe
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.