292 Dreiundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
Da aber hier Österreich aus Gründen, die uns bekannt
sind, zum großen Teil wegfiel, so verschob sich alle Wucht der
Entwicklung wiederum, wie in den agrarischen Dingen, allein
auf Preußen. Es war eine außerordentliche Gunst der Verhält—
aisse, die sich im 18. Jahrhundert z. B. schon in der rapiden
Zunahme der Berölkerung Berlins aussprach.
Und diese Gunst wurde von den Hohenzollern bereits
durch den ganzen Verlauf des 18. Jahrhunderts dahin genutzt,
daß sie von den Schranken mittelalterlichen Städtelebens
erbarmungslos wegrissen, was nicht in den absoluten Staat
der Aufklärung zu passen schien. So sind nirgends die Ge—
meinden mehr entmündigt, die Stadtverwaltungen mehr ge—
heugt worden, als hier; schon in der ersten Hälfte des
18. Jahrhunderts gab es im Grunde keine Gemeindeorgane
mehr, die städtischen Behörden bedurften obrigkeitlicher Be—
stätigung: kaum daß sich wenigstens in den westfälischen Be—
sitzungen noch Widerspruch regte, wie sich z. B. Soest bis zum
Jahre 1752 der Einordnung in das bureaukratische Ver⸗
waltungsschema erwehrt hat. Nicht minder aber wurden in
Preußen früh auch die Schranken des Monopoliums und
Polypoliums durchbrochen; die Kaufleute durften Handwerker⸗
waren kaufen und vertreiben, was den Abbruch der wichtigsten
Schranken bürgerlicher Berufsarbeit bedeutete; das Jahr⸗
marktsrecht wurde auf fremde Konkurrenz ausgedehnt, womit
die Grenzen der einzelnen städtischen Abgeschlossenheit fielen;
und Friedrich Wilhelm J. machte vor 1720 schon Ernst mit der
Freizügigkeit innerhalb sämtlicher Städte wenigstens der mittleren
Provinzen seines Staates.
Freilich: bis zur vollen Auflassung aller Gebundenheit
des mittelalterlichen Wirtschaftssystens kam man auch in
Preußen nicht. Noch immer wurden die Zünfte nicht auf⸗
gehoben, sondern nur in ihrem alten Abschlusse gelockert; noch
mmer gab es Lebensformen, in denen aller Unterschied der
bürgerlichen Stände schroff zum Ausdruck kam; noch immer
wußte man nichts von voller interterritorialer Handelsfreiheit,
geschweige denn, daß der Wettbewerb ausländischer Industrien