Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Dreiundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
vermochte der Absolutismus schließlich doch keinerlei Zugeständ⸗ 
nisse zu machen, die nicht sein eigenes Lebensprinzip ertötet 
hätten: und so ging man auf diesem Gebiete trotz allem einem 
fundamentalen Zwiespalt entgegen und hatte davon auch ein 
dumpfes Vorgefühl. 
Wichtiger aber war für den Augenblick vielleicht, daß 
auch schon die äußeren Lebensgewohnheiten gleichsam, das 
Drum und Dran des Absolutismus, die neue Gesellschaft des 
Subjektivismus in manchem Punkte zu verletzen begann. 
So, um nur eine Seite dieses Zusammenhanges, wenn auch 
vielleicht die wichtigste hervorzuheben, in tausend Dingen des 
bestehenden Militarismus. Was hat man nicht in den bürger⸗ 
lichen Kreisen des 18. Jahrhunderts schon über das Heerwesen 
der Zeit geklagt, geweint, gewettert. Da gab schon das Werbe⸗ 
system zu tausend Beschwerden Anlaß. Denn nach dem neuen 
Gefühle der Zeit wie auch nach unserem Empfinden grenzten 
seine Praktiken in vieler Hinsicht ans Unmenschliche. Da 
wurden die zu Werbenden, fast möchte man es Menschenraub 
nennen, nicht selten mit Gewalt und unter Schlägen in die 
Wachtstuben geschleppt, dort eingesperrt und nun mit allen 
Künsten der Verführung, Wein und Weib, in das Netz des 
Dienstes gelockt. Da preßte man auch wohl Kinder und Greise, 
um sie nachher gegen ein Lösegeld wieder loszulassen, das die 
Höhe des Werbegeldes überstieg; und niemand aus bürgerlichen 
und bäuerlichen Kreisen war vor den Angriffen der Werbe—⸗ 
offiziere eigentlich völlig gesichert. 
Wie aber sah es nachher gar im Dienste selbst aus, da 
wenigstens, wo er streng gehandhabt wurde. In dem Regle⸗ 
ment für die preußische Infanterie vom Jahre 1750 findet sich 
der Satz: „Damit nicht ein Kerl vor der Zeit ungesund werde 
oder gar crepire, derohalben auch das übermäßige Vollsaufen, 
absonderlich in Branntwein, verboten sein soll.“ Welche Sprache 
für ein Zeitalter, das mitleidsvoll die Schuld der Kindes— 
mörderinnen zu erörtern begann! In der Tat: vor allem 
Mitleid und Spott hatten die Jahrzehnte der Empfindsamkeit 
und des Sturmes und Dranges für die entsetzliche Disziplin,
	        
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