Ciquidation der alten Formen des wirtschaftl. u. sozialen Cebens. 303
Es war eine Lehre, die in diesem Sinne in Deutschland
nie Fuß gefaßt hat. Als sie in der zweiten Hälfte des
17. Jahrhunderts auf deutschem Boden Eingang fand, ver—
quickte sie sich alsbald mit den älteren deutschen Vorstellungen
der monarchischen Pflichten, wie sie in den Fürstenspiegeln
niedergelegt waren und noch bis tief ins 18. Jahrhundert,
z. B. in Seckendorfs Fürstenstaat fortgebildet worden sind,
sowie mit der Lehre des Luthertums vom fürstlichen Haus—
vater. Und so bildete sie, im Vortrage z. B. von Pufendorf und
von Thomasius, zwar die Grundlage für das theoretische Ver⸗
ständnis eines völlig freien Absolutismus, wie dieser sich inzwischeu
in Deutschland aus geregelten Finanzen, merkantilistischer Wirt—
schaftspolitik und stehendem Heerwesen her zu entwickeln be⸗
gann; zugleich aber begrenzte sie diesen Absolutismus auch als⸗
bald wieder innerlich, indem sie die Pflichten des Fürsten weit—
aus vor seinen Rechten betonte. Es war ein Weg der Ent—
wicklung der Staatslehre, der dann auf deutschem Gebiete
im 18. Jahrhundert noch weiter und zumeist noch viel ent—
schiedener verfolgt worden ist. Schon bei Leibniz erschien da—
bei die neue fürstliche Pflichtenlehre auf die weitere Grundlage
einer allgemeinen, metaphysisch verankerten Ethik gestellt; Wolff
bildete dann diese Verquickung von individualistischer Philosophie,
Ethik und Politik noch mehr durch und erging sich in überaus
eingehenden Vorschriften nicht bloß über Rechte und Pflichten
der Fürsten, sondern auch über Pflichten und Rechte der Unter⸗
tanen; und noch in Kants politischen und staatstheore tischen
Anschauungen klingt diese Entwicklung nach!.
Für den deutschen Absolutismus des 18. Jahrhunderts
aber wurde diese Entwicklung nicht bloß theoretisch, sondern
auch praktisch grundlegend. Ist es dabei noch nötig, an die Be⸗
ziehungen Friedrichs des Großen zu Wolff zu erinnern? Aber
auch viele andere Fürsten, so in hohem Grade die Habsburger,
gingen, wenn sie auch der Theorie an sich fern standen, dennoch
instinktiv und zum Teil durch religiöse Motive veranlaßt auf
S. dazu schon oben S. 110 ff.