Ciquidation der alten Formen des wirtschaftl. u. sozialen Lebens. 321
aber unmöglich war es, es in kurzen Stunden nach jeder Hin—
sicht praktisch durchzubilden. Dem Freiherrn erging es wie den
großen Baumeistern mittelalterlicher Dome: der Plan des
Ganzen lag vor und lobte den Meister, welcher Werkführer
aber hätte ihn alsbald verwirklichen sollen? Andere Männer
kamen und bauten weiter aus, vielfach nach anderen Absichten
und in anderem Stile.
Unter Hardenberg hat sich König Friedrich Wilhelm III.
wiederholt, besonders deutlich im Jahre 1815, in dem be—
timmten Versprechen ergangen, dem Staate eine Konstitution
und eine Volksvertretung geben zu wollen; diese Versprechungen
siind dann von der öffentlichen Meinung mit steigender Dring—
lichkeit eingemahnt worden; im Jahre 1823 kam es zur all—⸗
gemeinen Exrichtung wenigstens von Provinzialständen; eine
allgemeine Staatsverfassung haben erst die Zeiten Friedrich
Wilhelms IV. gebracht.
Ein Versuch, in der Richtung auf allgemeine Reichsstände
vorzugehen, ist allerdings noch in den Reformjahren der Ver—
waltung Hardenbergs gemacht worden. Im Februar 1811
wurde eine allgemeine Notabelnversammlung einberufen; sie
bestand zumeist aus altständisch-adligen Deputierten der Pro—
vinzen; teilweise wurde sie von den Ständen fast eigenmächtig
—
gebung plausibel gemacht werden sollte, ging aber so gut wie
in hellem Zorn auseinander; weit war sie davon entfernt, den
Geist der neuen Zeit auch nur annähernd zu begreifen; die
alten ständischen Verfassungen des Mittelalters wollte sie
wieder haben; völlig klar wurde durch ihren Verlauf, welch
erbitterter Widerstand in den privilegierten Klassen gegen die
hegonnene Umformung des Staates und der sozialen Zustände
lauerte.
Sollte man da auf dem gefährlichen Wege der Beteiligung
remonstrierender Schichten an dem neuen Staatsleben weiter
gehen? Die immer noch währende Not der Zeit enthob die
Regierung fast der Antwort auf diese Frage. Noch waren die
Lamprecht, Deutiche Geschichte. IX. 21